Montag, 4. Januar 2016

Fußstapfen im Schnee

Draußen liegt knöchelhoch Schnee. Die Landschaft bedeckt, nur ihre Form noch unter der dicken Schneedecke sichtbar. Wo immer wir hingehen, wir hinterlassen Spuren im Schnee. Zeichen dafür, dass wir da gewesen sind. Echos unserer Handlungen. Manchmal gehen jene unter, in der Anonymität unzähliger anderer Fußspuren. Manchmal werden sie fortgefegt.

Immer aber vergehen sie. Sei es, weil mehr Schnee auf sie fällt, ihre Konturen verwischen, verschwinden lassen. Oder sei es, weil irgendwann der Schnee schmilzt.

Ein irgendwie tröstlicher Gedanke. All das, was wir mit unserem Leben verbinden, es hat etwas von jenen Fußstapfen im Schnee. Wir hinterlassen unsere Abdrücke auf der Welt, durch unsere Geschichte, doch alles wird wieder fortgenommen. "Auch dies wird vorübergehen" soll einst in einem Ring gestanden haben, dessen Zweck es war, in Zeiten größter Verzweiflung aufzumuntern.

Gilt es nur für ganz aktuelle schwere Zeiten? Nicht immer verläuft unser Weg durch den Schnee so, wie wir uns das wünschen. Vielleicht straucheln wir und fallen. Oder gehen Irrwege. Schlittern Hänge hinunter. Reue, Trauer, Enttäuschung - woher auch immer sie rühren, ihr Auslöser wird fortgetragen, besteht irgendwann nur noch in uns fort, bis auch wir vergehen.

Sicher, es mag theoretisch möglich sein, sich so derb im Schnee zu überschlagen, dass man zur Legende wird. Hunderte Lebzeiten überdauert. Bis dereinst unsere Sonne erlischt.

Ist es nicht interessant? Wir bestehen alle aus Sternenstaub, und irgendwann werden wir, unsere ganze Erde, wieder zu Sternenstaub werden. Und vielleicht, irgendwann, in Billionen Jahre, aus diesem Staub eine neue Welt werden, auf der wieder Schnee liegt. Dann wird alles vergangen sein.

Selbst jener Schmetterlingseffekt, der unsere Spuren, längst vergangen, noch Wellen im Gefüge der Geschichte schlagen lassen kann.

Alles mag vergänglich sein, doch was zählt ist dieser Moment. In dem entscheiden wir, welche Spuren wir hinterlassen. Hinter uns der Pfad verschneit, vor uns noch unbetreten, unbestimmt ob unserer Entscheidungen. In diesem Moment, in jedem Moment, der "jetzt" ist, "jetzt" wird, da können wir die Schneelandschaft betrachten. Betreten. Und unseren Weg gehen.

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