Montag, 28. März 2016

Die Logik des Alogischen IV

Punkt 8: Es gibt da in der Kommunikation das, zwar ziemlich vereinfachende, doch nützliche Vier-Ohren-Modell. Das sagt, dass jede Kommunikation vier Ebenen enthält. Einen Sachinhalt, einen Beziehungsinhalt, einen emotionalen Inhalt und einen Appellinhalt (also "mach das!" bzw. "machst du bitte das?", je nach Beziehungsinhalt). Wenn wir Bewusstsein und Unbewusstsein betrachten, dann sollte mit etwas Glück auffallen, dass so etwas ähnliches auch bei der Kommunikation zwischen diesen beiden Instanzen passiert. Allerdings passt hier das "emotionale Ohr" nicht. Emotionen sind Kommunikationen aus dem Unbewusstsein, gleichzeitig sind Emotionen nicht die Sprache des Bewusstseins. Anstelle eines emotionalen Inhalts hat das Bewusstsein den Inhalt der Qualität der Aufmerksamkeit, das Unbewusste hingegen eine Art spiegelhaften Inhalt, in welchem es im Bewusstsein verortete Grundeinstellungen reflektiert. Das ist jedoch eher ein Nebenkriegsschauplatz. Das Hauptproblem liegt im Beziehungsohr. Wie gehen wir mit dem Unbewussten um? Wie gehen wir mit uns selbst um? Führen wir zum Beispiel einen Kampf gegen uns selbst? Glückwunsch, den können wir nur verlieren - selbst wenn wir gewinnen, wir verlieren. Auch hier nimmt das Unbewusste eher die Position eines Spiegels ein. Es reagiert ohnehin meist ziemlich genau so, wie damit umgegangen wird. In aller Regel neigen die meisten Menschen dazu einige der Ohren zu ignorieren. Aber nur, weil sie ignoriert werden, sind sie nicht nicht da. Anders formuliert, das "Verhalten" des Unbewussten lässt sich viel öfter viel einfacher nachvollziehen, wenn alle Ohren betrachtet werden. Nicht nur die Sachebene.

Punkt 9: Wo wir gerade über Kommunikation reden, es findet keine direkte, sondern eine indirekte Kommunikation statt. Beispiel Autogenes Training, die Formeln alleine haben für die meisten Menschen kaum eine Wirkung, verbunden mit Bildern hingegen schon (also nicht nur "Arme angenehm schwer", sondern verbunden mit eigenen Bildern und Symbolen für angenehme Schwere). Die indirekte Kommunikation findet über Bilder, über die Welt statt. Auch möglich über die innere Welt (wiederum, siehe autogenes Training). Änderungen vom Bewusstsein ins Unbewusste laufen immer über eine Welt ab, in der gehandelt wird, egal ob es die äußere oder innere ist.
Ganz anders formuliert. Sich direkt zu sagen, man will jetzt z.B. zufrieden statt niedergeschlagen sein, das wird nicht funktionieren, da es eine direkte Kommunikation ist. Umgekehrt ist es aber auch eine (sinnvolle) Lüge zu sagen, wir könnten uns nicht aussuchen, wie wir uns fühlen. Das können wir schon, nur über den indirekten Weg. Einfachstes Beispiel, denk an Fotoalben (oder, für die jüngere Generation, Fotoordner auf dem Rechner). Schaust du dir Fotos aus glücklichen Zeiten an, wird das Ergebnis eher wohlige bis melancholische Gefühle auslösen. Schaust du in ein Foto aus emotional negativ aufgeladenen Zeiten, dann besteht die recht große Chance, dass es emotional kracht. Kamen die Gefühle jetzt aus dem Nichts? Oder vergleiche mal ein paar Atemzüge an einen guten Freund zu denken damit, an einen Menschen zu denken, den du nicht magst. Ergebnis? Da ist eine Wechselwirkung. Wobei hier natürlich oft tiefgreifendere Denk- und Verhaltensmuster mit hinzu kommen. Zur Beziehungsgestaltung ist da die Lüge "wir suchen es uns nicht aus" nützlich; wahr macht sie das jedoch nicht.

Punkt 10: Sehr lange Rede kurzer Sinn, eine ganz zentrale Frage ist, was Logik eigentlich ist. Logik ist letztendlich Deduktion - aus X und Y ergibt sich Z. Das Unbewusste erscheint unlogisch, jenseits jeder Logik, weil falsche Prämissen angewendet werden. Vieles, was für die meisten unlogisch zu sein scheint, ist eigentlich vollkommen logisch. Die in dieser kleinen Reihe aufgeführten Punkte sind dabei alles andere als vollständig, doch sie sind ein guter Anfang. Ein Teil des Unbewussten wird immer unberechenbar bleiben, allein, da das Bewusstsein nicht auf das gesamte assoziative Wissen zugreifen kann (genauso wie das Unbewusste nicht auf das gesamte semantische Wissen zugreifen kann). Unberechenbarkeit heißt jedoch nicht unlogisch. Eigentlich ist der Name dieser Beitragsreihe eine Lüge. Das Unbewusste ist nicht bar jeder Logik, im Gegenteil, es ist sehr logisch. Nur es funktioniert mit anderen Prämissen.

In dem Sinne: Frohe Ostern!

Samstag, 26. März 2016

Die Logik des Alogischen III

Punkt 6: Wenn unser Leben ein Kinofilm wäre, dann wäre das Bewusstsein der Kinogänger und das Unbewusste der Kameramann. Das Unterbewusstsein verarbeitet wesentlich mehr Informationen, selektiert sie, und greift sogar auf mehr Informationsquellen zu als unser Bewusstsein. Zwei Beispiele dafür, eins alltäglich, ein sehr krass. Alltäglich ist der "Cocktailparty-Effekt" - in einem Raum voller Gespräche, in dem wir uns unterhalten, und von den anderen Unterhaltungen woanders nur Hintergrundrauschen mitbekommen, kein einziges Wort, sagt jemand unseren Namen und wir hören das. Genauso wenn auf der Straße jemand unseren Namen (statt einen anderen) ruft. Wieso hören wir ausgerechnet das, und nicht die unzähligen anderen Wörter und Gespräche und Geräusche? Nun, "wir" hören alles - also unser Unterbewusstes. Nur filtert es einen Großteil heraus. Außer, etwas ist wichtig. Wie zum Beispiel unseren Namen. Dann wird es dem Bewusstsein mitgeteilt.
Nun gehen wir mal kurz in die physiologische Psychologie. Der Teil unseres Gehirns, der die Informationen des Auges zu den Bildern umwandelt, den unser Bewusstsein sieht, ist der so genannte Occipitallappen (Schreibweise kann variieren, jedenfalls das Stück Gehirn im Hinterkopf). Wird der Occipitallappen beschädigt/zerstört, dann sehen wir nichts mehr. Dachte man früher. Tatsächlich sehen Betroffene nichts, sie sind komplett blind. Und doch sehen sie, so reagieren sie beispielsweise auf die Gesichter von Mitmenschen, spiegeln sie zum Beispiel. Selbst wenn es sich dabei nur um Bilder (Fotos, Computerdarstellungen) handelt, also Sprache und so als alternative Informationsquelle ausscheiden. Wie kann das sein? Die Informationen vom Auge werden im Gehirn an mehreren Stellen verarbeitet, der Occipitallappen ist für das bewusste Sehen zuständig (daher die Blindheit), aber es gibt noch andere Bahnen. (Das gilt natürlich nicht für Leute, die durch Augenschäden erblindet sind! Dieser Effekt findet sich, wie erwähnt, bei Schädigung des Occipitallappens.)
Lange Rede kurzer Sinn, das Bewusstsein greift auf sehr viel weniger Informationen zurück als das Unbewusste. Insofern obiges Gleichnis - der Kinogänger sieht nur den Film, der Kameramann sieht den Film und alles, was darum herum bei den Dreharbeiten noch ablief. Es selektiert und es bekommt mehr mit.

Punkt 7: Gleichzeitig, und dies ist ein sehr kurzer Punkt, kann das Unbewusste nicht auf so genanntes semantisches Wissen zugreifen. Semantisches Wissen ist Faktenwissen, nicht emotional aufgeladene Informationen. Wie zum Beispiel dein letztes schönes Osterfest war, das weiß sowohl Bewusstsein als auch Unbewusstsein. Was die Hauptstadt von Russland ist (sofern diese Information nicht emotional aufgeladen ist) hingegen nur das Bewusstsein. Das ist übrigens der Grund, weshalb man Spinnenphobikern lange und ausführlich schildern kann, dass Spinnen harmlos sind, und es gar nichts bringt - dadurch wird nur semantisches Wissen aufgebaut, und darauf kann das Unbewusste nicht zugreifen.

Freitag, 25. März 2016

Die Logik des Alogischen II

Punkt 3: Richtig frustrierend kann eine Beobachtung sein, die sich immer wieder (und wieder und wieder und wieder) zeigt, nämlich, dass Bewusstsein und Unbewusstsein in unterschiedlichen Geschwindigkeiten arbeiten. Und, damit es auch richtig unspaßig wird, nicht einmal immer in derselben Richtung. Das Unbewusstsein kann sehr viel schneller, aber auch sehr viel langsamer als das Bewusstsein sein. Zwei Beispiele dafür. Nehmen wir einmal an, es platzt plötzlich ein unbewusster Knoten und eine seit Jahren, vielleicht seit Jahrzehnten, bestehende Angst verschwindet. Das wird für das Bewusstsein, wenn es so plötzlich passiert, massiv ungewohnt. Es sucht nach der bekannten, gewohnten, allbegleitenden Symptomatik - und findet sie nicht. Das klingt erst einmal gut, nur ist für den Betreffenden nicht gut, da bei so etwas Rückfallprophylaxe wichtig wird; denn ohne diese besteht die Gefahr, dass ein Phantom der alten Symptomatik, oder eine Alternativsymptomatik, aufgebaut wird. Hier muss das Bewusstsein erst nachziehen, und das kann etwas dauern.

Umgekehrt kann das Unbewusstsein auch sehr viel langsamer sein. Nehmen wir mal als ein sehr plakatives Beispiel Psychotherapie. Weshalb findet jene in der Regel wöchentlich statt, statt täglich? Bei 50 Sitzungen wäre dann die Therapie doch binnen zwei Monaten statt binnen eines Jahres fertig! Wäre doch besser! Weil es nicht funktioniert. Das Unbewusste braucht die Zeit zwischen den Sitzungen, damit es die darin erhaltenen Impulse testen und integrieren kann. Genauso kann das Bewusstsein dem Unbewusstsein nicht zu weit vorweg laufen. Ein Gefühl wie "ja, ich weiß, dass das und das so sein sollte, aber das nutzt mir nichts / funktioniert nicht" zeigt an, dass das Bewusstsein weiter als das Unbewusstsein ist. Heißt es ist kein Verständnisproblem. Kein bewusstes Problem. Entweder ist ein unbewusster Knoten im Weg, oder das Unbewusste braucht Zeit für die Integration um mitzukommen. Wichtig ist entsprechend Geduld.

Punkt 4: Das Unbewusste hat seine eigenen Definitionen und Vorstellungen von Begriffen und der Welt. Diese ist nicht immer deckungsgleich mit denen des Bewusstseins. Das krasseste Beispiel dafür sind klassische Phobien (z.B. vor Spinnen). Da wissen (Bewusstsein!) die betroffenen Phobiker, dass die furchtbesetzten Objekte (z.B. Spinnen) harmlos sind, trotzdem reagieren sie (Unbewusstsein!) teils sehr heftig. Aber auch, wenn es um die Verarbeitung von Worten geht, sind Bewusstsein und Unbewusstsein nicht immer gleich. Begriffe können emotional unterschiedlich stark aufgeladen sein, obwohl sie rein theoretisch dasselbe meinen. Ebenso kann auch das Unbewusstsein Begriffe völlig anders auffassen. Ich erinnere mich da an eine Begebenheit, wo jemand versucht hat, durch Selbsthypnose "aufmerksamer" zu werden. Hat derjenige geschafft! Er hat danach ständig den eigenen Herzschlag gehört bzw. gefühlt, war diesbezüglich also aufmerksamer. Yay. Auch sind die Erklärungen für unbewusste Entscheidungen im Bewusstsein nachträglich rationalisiert. Beispielsweise kann es sein, dass man die Lieblingsfarbe Grün hat, und sich dies erklärt mit der Farbe der Natur, des Lebens, der unberührten Umwelt; und in Wirklichkeit liegt es daran, dass das erste Kinderzimmer grün gestrichen war und daher die Assoziation zwischen Grün und Geborgenheit/Sicherheit besteht.

Punkt 5: Damit einhergehend, während das Bewusstsein sich in verschiedene Zeiten bewegen kann, ist das Unbewusste zeitlos. Für das Unbewusste gibt es nur diesen Moment. Mit einer der Gründe für verschiedene Angststörungen. Das Bewusstsein reist in eine theoretische Zukunft, sieht dort eine Gefahr - und das Unbewusste, weil es zeitlos ist, reagiert darauf mit einer Angstreaktion in der Gegenwart, egal ob die Gefahr gerade aktuell da ist oder nicht. Normalerweise haben sowohl Bewusstsein als auch Unbewusstsein funktionale Abwehrmechanismen gegen solche Vorkommnisse, welche im Falle von Angststörungen nicht greifen. Das sei unbenommen. Ändert nichts an dem zugrundeliegenden Mechanismus, dass das Unbewusste zeitlos ist, das Bewusstsein jedoch Zeiten unterscheiden kann. In einem völlig anderen Kontext sagte einmal ein Patient "Vergangenheitsbewältigung ist Gegenwartsbewältigung", und in Bezug auf Probleme im eher unbewussten Bereich (z.B. Emotionen aller Art) hat er absolut recht.
Aber zugleich, und das ist das Interessante, muss die Gegenwartsbewältigung damit gleichzeitig nicht in der Gegenwart stattfinden. Eher tiefenpsychologisch orientiertes Vorgehen geht häufig in die Vergangenheit, und kann dort auch gegenwartsbezogene Probleme lösen. Umgekehrt kann verhaltenstherapeutisch auch vergangenheitsbezogene Probleme in der Gegenwart lösen. Und um endgültig zu verwirren, einige ericksonianische Techniken lösen vergangenheits- oder gegenwartsbezogene Probleme in der Zukunft. Wieso das geht? Weil das Unbewusste zeitlos ist, und es daher letztendlich einerlei ist, in welcher (bewussten!) Zeit ein unbewusstes Problem gelöst wird.

Montag, 21. März 2016

Die Logik des Alogischen I

Sprechen wir mal über etwas, das mehrere Namen hat. Unbewusste, Unterbewusste, und einige mehr. Egal ob es um Emotionen, Motivation, Konflikte, alle Arten von nicht rein faktual-logischen Probleme (z.B. Steuererklärung... außer es fehlt an Motivation die Sachen zusammenzusuchen) handelt, kommen unbewusste Komponenten ins Spiel. Wir Menschen sind Problemlösemaschinen. So haben wir unsere Welt geformt. Und doch kommt es immer wieder zu Schwierigkeiten, die sich nicht so einfach lösen lassen. Oftmals, weil eben jene unbewussten Prozesse mit herein spielen.
 
Was schade ist. Unbewusste Prozesse funktionieren nach eigenen Regeln, nach einer eigenen Logik. Diese ist nicht in allen Bereichen identisch mit den Regeln und der Logik des Bewusstseins. Daher halte ich es für sinnvoll, zu verstehen, wie jener Teil von uns funktioniert, der uns nicht bewusst ist.
 
Punkt 1:
Und genau da liegt das Problem. Unbewusstsein ist genau genommen eine Lüge. Was bei uns im Kopf vorgeht lässt sich eher auf einer Skala anordnen, deren eines Ende "voll bewusst" und dessen anderes Ende "nicht bewusst" ist, wobei diese Endpunkte nie erreicht werden. Konkretes Beispiel, Herzschlag. Auf den ersten Blick nichts, was wir so mir nichts dir nichts bewusst beeinflussen oder steuern. Trotzdem gelingt es in Zuständen wie Selbsthypnose oder autogenem Training (und vielen mehr) jenen gezielt zu verändern. Wie das? Weil es keine scharfe Trennung gibt. Auch wenn ich hier von bewussten versus unbewussten Prozessen bzw. Eigenheiten schreibe, dann sind das Vereinfachungen. Nützliche Lügen, wie das Atom als Planetensystem. Hat nichts mit der Realität zu tun, erleichtert es jedoch etwas sonst nur sehr schwer Greifbares greifbar zu machen.
 
Punkt 2:
Denn unser gesamter Verstand - "bewusste" wie auch "unbewusste" Anteile - arbeiten mit Kontrasten. Wir unterteilen die Welt. Dies ist ein Monitor, das ist ein PC; und darin ist dies der Prozessor, das da der Arbeitsspeicher. Um zu begreifen, was ein Baum ist, brauchen wir den Kontrast dazu; Dinge, die kein Baum sind. Diese Grenzen sind willkürlich und erlernt. Ohne sie können wir uns nicht in der Welt zurechtfinden; doch zugleich begrenzen sie uns auch. Das Bewusstsein dabei viel mehr als das Unbewusste. Das Bewusstsein klassifiziert inhaltlich (z.B. Möbel, Pflanzen, Tiere; mit Unterklassen wie Säugetiere, Reptilien und so weiter), das Unbewusste hingegen assoziativ. Beispielsweise, wenn zwei Sachen gemeinsam auftreten, dann gehören sie für das Unbewusstsein möglicherweise zusammen, selbst wenn das Bewusstsein weiß, dass das nicht sachlich stimmt (z.B. gibt es Schmetterlinge, die beinahe wie Wespen aussehen - selbst wenn Leute wissen, dass es Schmetterlinge sind, reagieren sie körperlich als wären es Wespen, weil mit dem Aussehen Assoziationen verbunden sind; auch bei Placebos spielen Assoziationen eine riesige Rolle).