Freitag, 25. März 2016

Die Logik des Alogischen II

Punkt 3: Richtig frustrierend kann eine Beobachtung sein, die sich immer wieder (und wieder und wieder und wieder) zeigt, nämlich, dass Bewusstsein und Unbewusstsein in unterschiedlichen Geschwindigkeiten arbeiten. Und, damit es auch richtig unspaßig wird, nicht einmal immer in derselben Richtung. Das Unbewusstsein kann sehr viel schneller, aber auch sehr viel langsamer als das Bewusstsein sein. Zwei Beispiele dafür. Nehmen wir einmal an, es platzt plötzlich ein unbewusster Knoten und eine seit Jahren, vielleicht seit Jahrzehnten, bestehende Angst verschwindet. Das wird für das Bewusstsein, wenn es so plötzlich passiert, massiv ungewohnt. Es sucht nach der bekannten, gewohnten, allbegleitenden Symptomatik - und findet sie nicht. Das klingt erst einmal gut, nur ist für den Betreffenden nicht gut, da bei so etwas Rückfallprophylaxe wichtig wird; denn ohne diese besteht die Gefahr, dass ein Phantom der alten Symptomatik, oder eine Alternativsymptomatik, aufgebaut wird. Hier muss das Bewusstsein erst nachziehen, und das kann etwas dauern.

Umgekehrt kann das Unbewusstsein auch sehr viel langsamer sein. Nehmen wir mal als ein sehr plakatives Beispiel Psychotherapie. Weshalb findet jene in der Regel wöchentlich statt, statt täglich? Bei 50 Sitzungen wäre dann die Therapie doch binnen zwei Monaten statt binnen eines Jahres fertig! Wäre doch besser! Weil es nicht funktioniert. Das Unbewusste braucht die Zeit zwischen den Sitzungen, damit es die darin erhaltenen Impulse testen und integrieren kann. Genauso kann das Bewusstsein dem Unbewusstsein nicht zu weit vorweg laufen. Ein Gefühl wie "ja, ich weiß, dass das und das so sein sollte, aber das nutzt mir nichts / funktioniert nicht" zeigt an, dass das Bewusstsein weiter als das Unbewusstsein ist. Heißt es ist kein Verständnisproblem. Kein bewusstes Problem. Entweder ist ein unbewusster Knoten im Weg, oder das Unbewusste braucht Zeit für die Integration um mitzukommen. Wichtig ist entsprechend Geduld.

Punkt 4: Das Unbewusste hat seine eigenen Definitionen und Vorstellungen von Begriffen und der Welt. Diese ist nicht immer deckungsgleich mit denen des Bewusstseins. Das krasseste Beispiel dafür sind klassische Phobien (z.B. vor Spinnen). Da wissen (Bewusstsein!) die betroffenen Phobiker, dass die furchtbesetzten Objekte (z.B. Spinnen) harmlos sind, trotzdem reagieren sie (Unbewusstsein!) teils sehr heftig. Aber auch, wenn es um die Verarbeitung von Worten geht, sind Bewusstsein und Unbewusstsein nicht immer gleich. Begriffe können emotional unterschiedlich stark aufgeladen sein, obwohl sie rein theoretisch dasselbe meinen. Ebenso kann auch das Unbewusstsein Begriffe völlig anders auffassen. Ich erinnere mich da an eine Begebenheit, wo jemand versucht hat, durch Selbsthypnose "aufmerksamer" zu werden. Hat derjenige geschafft! Er hat danach ständig den eigenen Herzschlag gehört bzw. gefühlt, war diesbezüglich also aufmerksamer. Yay. Auch sind die Erklärungen für unbewusste Entscheidungen im Bewusstsein nachträglich rationalisiert. Beispielsweise kann es sein, dass man die Lieblingsfarbe Grün hat, und sich dies erklärt mit der Farbe der Natur, des Lebens, der unberührten Umwelt; und in Wirklichkeit liegt es daran, dass das erste Kinderzimmer grün gestrichen war und daher die Assoziation zwischen Grün und Geborgenheit/Sicherheit besteht.

Punkt 5: Damit einhergehend, während das Bewusstsein sich in verschiedene Zeiten bewegen kann, ist das Unbewusste zeitlos. Für das Unbewusste gibt es nur diesen Moment. Mit einer der Gründe für verschiedene Angststörungen. Das Bewusstsein reist in eine theoretische Zukunft, sieht dort eine Gefahr - und das Unbewusste, weil es zeitlos ist, reagiert darauf mit einer Angstreaktion in der Gegenwart, egal ob die Gefahr gerade aktuell da ist oder nicht. Normalerweise haben sowohl Bewusstsein als auch Unbewusstsein funktionale Abwehrmechanismen gegen solche Vorkommnisse, welche im Falle von Angststörungen nicht greifen. Das sei unbenommen. Ändert nichts an dem zugrundeliegenden Mechanismus, dass das Unbewusste zeitlos ist, das Bewusstsein jedoch Zeiten unterscheiden kann. In einem völlig anderen Kontext sagte einmal ein Patient "Vergangenheitsbewältigung ist Gegenwartsbewältigung", und in Bezug auf Probleme im eher unbewussten Bereich (z.B. Emotionen aller Art) hat er absolut recht.
Aber zugleich, und das ist das Interessante, muss die Gegenwartsbewältigung damit gleichzeitig nicht in der Gegenwart stattfinden. Eher tiefenpsychologisch orientiertes Vorgehen geht häufig in die Vergangenheit, und kann dort auch gegenwartsbezogene Probleme lösen. Umgekehrt kann verhaltenstherapeutisch auch vergangenheitsbezogene Probleme in der Gegenwart lösen. Und um endgültig zu verwirren, einige ericksonianische Techniken lösen vergangenheits- oder gegenwartsbezogene Probleme in der Zukunft. Wieso das geht? Weil das Unbewusste zeitlos ist, und es daher letztendlich einerlei ist, in welcher (bewussten!) Zeit ein unbewusstes Problem gelöst wird.

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