Sonntag, 1. Mai 2016

Ansatzpunkte I

Wenn Menschen psychische Probleme haben, dann - das ist per se eine gute Nachricht - gibt es meist nicht nur eine Lösung, sondern viele Lösungen. Unterschiedliche Ansatzpunkte. Die schlechte Nachricht ist, dass nicht jeder für jeden dieser Ansatzpunkte empfänglich beziehungsweise zugänglich ist. Zwar ist jeder Ansatzpunkt per se möglich, jedoch an bestimmte Bedingungen gebunden, hat Vor- und Nachteile.

Die folgende Liste ist demnach alles andere als komplett. Sie soll nur als Denkstupserl dienen, sollte man auf einer Ebene entweder bei einem selbst, oder bei jemand anderem feststecken.

Heute: Die Verhaltensebene

Hier meine ich nur das Verhalten "außen", nicht das Verhalten "innen" (dazu später mehr). Darunter fällt fast alles was in Richtung Aufbau positiver Aktivitäten, Tagesstrukturierung, Problemlösefähigkeiten, Expositionen, Skill-Trainings (z.B. Entspannungsverfahren) und so weiter geht.

Der große Vorteil der Verhaltensebene ist, dass sie immer wirkt, außer eine Person lebt komplett entkoppelt von der Außenwelt. Heißt auch bei sehr schwer zugänglichen Problemen oder Personen können über Veränderungen im Außen auch Veränderungen im Inneren erzeugt werden. Auch lassen sich kleine Probleme so recht schnell und einfach kompensieren. Gerade wenn ein Problem wirklich umgrenzt ist, und alles andere im Leben funktioniert, reichen oft Änderungen auf der Verhaltensebene aus.

Der große Nachteil der Verhaltensebene ist, dass sie Motivation voraussetzt. Bei gestörter oder nicht ausreichender Motivation wird neues Verhalten nicht ausprobiert, nicht durchgängig angewendet, wieder in alte Verhaltensmuster gefallen. Gerade bei Problemen mit sehr hohem Sekundärnutzen ist zumeist über die Verhaltensebene nur schwer und langwierig beizukommen - außer es gelingt den Sekundärnutzen mit an Bord zur holen.

Ein weiterer, zwar selten vorkommender aber dennoch erwähnenswerte, Nachteil tritt bei den bereits oben erwähnten von der Realität entkoppelten Personen auf. Hiermit meine ich gar nicht mal in erster Linie so klassisch dissoziative Phänomene (wo eine Person geistig sich zurückzieht, nicht mehr in der Situation ist), sondern etwas anderes. Manche Menschen bemerken, sehr oft aufgrund ihrer Biographie, nicht, welchen Einfluss sie mit ihren Handlungen auf ihre Umwelt und ihre Mitmenschen, damit einhergehend wieder auf sich selbst, haben. Durch jene Entkoppelung laufen die allermeisten Ansatzpunkte ins Leere (daher werde ich dies auch nicht bei den folgenden Teilen wiederholen), hier muss erstmal die Koppelung wiederhergestellt werden.

Wie liefe nun die Arbeit auf der Verhaltensebene ab? Hier gibt es mehrere Möglichkeiten.
1. Es fehlt eine bestimmte Fertigkeit oder Verhaltensmuster, um das Problem zu lösen -> Aufbau der Fähigkeit oder des Verhaltensmusters.
2. Unsinnige Annahmen für zum Problem -> Überprüfen der Annahmen in der Realität durch entsprechende Handlungen. (Auch möglich durch Rollenvorbilder.)
3. Dysfunktionales Verhalten (z.B. Rückzugsverhalten) führt zum Problem -> Abbau des dysfunktionalen Verhaltens und Aufbau funktionalem Alternativverhaltens.

Eine weitere wichtige Frage für die Verhaltensebene ist immer, was der Mensch bei seinem bisher gezeigtem Verhalten erreicht und lernt, dies im Kontrast dazu, was er bei einem verändertem Verhalten erreicht und lernt.

Gerade der Lernpunkt, der auf dem ersten Blick vielleicht unpassend wirkt, ist extrem wichtig. Klassisches Beispiel Spinnenphobie - was lernt unser Reptiliengehirn, wenn wir vor einer Spinne zurückweichen?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen