Samstag, 7. Mai 2016

Ansatzpunkte II

Heute: Kognition I - Denken
 
Kognition ist so ein lustiges Fachwort, abgeleitet vom lateinischen Wort für Denken. Wieso es verwendet, obwohl es etwas vom "weißen Schimmel" hat, ist einfach - Kognition umfasst mehr als nur das, was im Alltagsverständnis unter "Denken" fällt (z.B. die unbewusste Anwendung von Daumenregeln). Heute aber soll es nur ums Denken gehen.
 
Und da ist direkt das erste Problem. Was ist der Unterschied zwischen Gedanken und Denken? Stell dir vor, du stehst vor einem Wald. Kein Weg hindurch. Also schlägst du eine Schneise hindurch. Das ist Denken. Diese Schneise immer wieder und wieder zu benutzen, das wären Gedanken. Grundsätzlich ist das Gehirn extrem denkfaul. Es benutzt dieselben Schneisen wieder und wieder und wieder, daher sind 90% deiner Gedanken heute wahrscheinlich dieselben wie gestern, und vorgestern. Wenn die Schneise nun einen guten Weg ergibt, dann ist das kein Problem.

Was aber, wenn die Schneise durch Sümpfe und Dorngebüsch führt? Und am Ende vielleicht sogar gar nicht dahin führt, wo du hin willst?
 
Aus dem Grund ist es wichtig, dass das Gehirn wieder anfängt zu denken. Gedanken also wieder in Denken verwandeln. Da gibt es ganz verschiedene Möglichkeiten. Alles im Bereich Reframing wirft das Gehirn von der Schneise zurück in den Wald. Realitätsüberprüfungen, stimmen die Annahmen und Voraussagen der Gedanken? Erkunden alternativer Gedankengänge (heißt für das Gehirn ab zurück in den Wald), oder einfach nur die Gedanken selbst zerpflücken um alternative Pfade im Wald zu finden. Sei es, um das Moor und Dorngebüsch zu umgehen, oder gar woanders rauszukommen.
 
Das sind per se sehr hilfreiche Techniken, sie haben jedoch zwei Schwächen.
 
Ihre Stärke lässt sich dann ausspielen, wenn jemand zum Denken bereit ist. Das ist zugleich ihre große Schwäche. Wie anfangs erwähnt ist das Gehirn denkfaul. Wenn unser Gehirn ein Motor wäre, dann verbleibt es am liebsten im unteren Drehzahlbereich. Nicht so untertourig, dass es absäuft - auch das mag das Gehirn nicht (siehe Folge von Rückzugsverhalten bei Depressionsentstehung und -aufrechterhaltung). Fängt es aber an zu denken, wirklich zu denken, geht die Drehzahl herauf.
 
Ich denke, dass kennt jeder. Denk mal an schwierige, lange Prüfungen. Keine körperliche Arbeit, und dennoch danach kaputt. Jetzt magst du erwidern "da war Stress mit bei", und ja, das hat eine Rolle gespielt. Aber auch, dass da je nach Prüfungsart das Gehirn arbeiten musste. Gleiches gilt für geistig anstrengende Arbeit. Oder auch nur schwierigen Stoff lernen. Wenn ich mit Leuten arbeite und die ans Denken kriege, dann sind die nach einer halben Stunde in aller Regel erschöpft. Und eine Stunde denken so platt, als wären sie ein Marathon gelaufen. (Übrigens geht beim Denken der Kalorienverbrauch des Körpers tatsächlich signifikant nach oben.)
Weshalb? Weil es einen riesigen Unterschied macht, ob man einen bestehenden Waldweg entlang geht (Gedanken), oder sich eine Schneise durch den Wald schlägt (Denken).
 
Nun sind manche Menschen nicht bereit zu denken. Das lässt sich im Gespräch schnell bemerken - eine tiefer gehende Frage stellen, und wenn eine oberflächliche, vorgefertigt wirkende Antwort kommt, Glückwunsch, man hat einen Gedanken, aber kein Denken. Je nach Leidensdruck und Introspektionsfähigkeit lässt sich das dann doch wieder ins Denken verwandeln (dafür sind Reframings primär da), aber das klappt bei mangelndem Leidensdruck oder mangelnder Introspektionsfähigkeit vorsichtig formuliert nicht immer.
 
Weitere Schwäche liegt im Zusammenwirken von Denken/Gedanken und Emotionen. Die befinden sich in einer Feedbackschleife, heißt beeinflussen sich gegenseitig. Denken/Gedanken lösen Emotionen aus, aber Emotionen beeinflussen auch Denken/Gedanken, und gerade berechtigte Emotionen gehen an Denken/Gedanken vorbei. Hat man es mit berechtigten Emotionen zu tun (dazu in einem anderen Teil), dann sind rein denkbezogene Ansätze schwierig. Umgekehrt, hat man es mit nicht berechtigten Emotionen zu tun, dann sind denkbezogene Ansätze oftmals eine sehr gute Wahl (da das quasi Zombieemotionen ausgelöst durch Gedankenmuster sind).
 
Schön aber ist bei Denkansätzen, dass sie sich sehr einfach anwenden lassen. Primäres Ziel ist es jemanden ans Denken zu bekommen. Den Rest erledigt derjenige dann selbst. Wichtig dabei ist sich zurückzuhalten, nicht das Denken für ihn zu übernehmen (dann gibt man ihm Gedanken, und Menschen bevorzugen ihre eigenen Gedanken). Also das Denken anregen. Wie man das wohl machen könnte?

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