Dienstag, 10. Mai 2016

Ansatzpunkte III

Heute: Kognition II - Heuristiken

Heuristiken sind Daumenregeln. Unser Gehirn benutzt sehr, sehr viele Daumenregeln. Allein schon, damit wir in der Welt zurecht kommen. Einfaches Beispiel, wir haben eine Heuristik im Kopf wie Türgriffe funktionieren, unabhängig vom Aussehen der Tür. Dieses Beispiel kommt mir immer im Sinn, da bei meinen Großeltern der Haustürgriff gedreht war. Er funktionierte genauso wie ein normaler Türgriff, nur eben von senkrecht nach oben hin nach rechts zu ziehen. Allein das führte dazu, dass viele mit der Tür nicht umgehen konnten.

Heuristiken, das ist das Schwierige, können sowohl funktional als auch dysfunktional sein. Schlimmer noch, dieselbe Heuristikidee kann beides sein. Auch hierfür ein Beispiel!

- Alle Waffen sind geladen: Heuristik, die in den USA allen Leuten, die irgendwie mit Waffen zu tun haben, nahegelegt wird. Selbst wenn man sich sicher ist, dass man Tags zuvor die eigene Waffe entladen hat. Dennoch so mit umgehen, als wäre sie geladen. Sinn dahinter ist mögliche tödliche Unfälle zu verhindern. Wie leider immer wieder auftretende Unfälle, bei denen diese Heuristik nicht genutzt wurde, zeigte, eine sehr nützliche Grundannahme.

- Alle Mitglieder des anderen Geschlechts sind Schweine: Heuristik, die leider doch so manche Menschen nach enttäuschenden Beziehungserfahrungen ausbilden. Die Struktur ist identisch mit der obigen Heuristik - beides sind Verallgemeinerungen/Generalisierungen, bloß handelt es sich hier um eine Heuristik, die sich in einer Art im Verhalten niederschlagen wird, dass eine erfüllte Partnerschaft vorsichtig formuliert schwierig wird.

Wie lassen sich Heuristiken erkennen? An bestimmten Eigenheiten. Folgende Liste ist nicht vollständig!
- Verallgemeinerungen (z.B. "alle", "immer"; genauso aber auch "nie").
- Zwangswörter (z.B. "muss")
- Zusammenhangsherstellung (z.B. "x führt zu y")
- Gleichsetzungen (z.B. "x ist y", "x bedeutet y")
- verschiedenste Sprichwörter sind Heuristiken (z.B. "wer den Pfennig nicht ehrt...")
- Fehlende Elemente, z.B. wenn bei einer regelhaften Aussage "man" benutzt wird, oder eine Tätigkeit nicht genannt wird, heißt alle Arten von Unvollständigkeiten.
=> Kurz gesagt, alles, was nach Daumenregel aussieht, ist sehr wahrscheinlich eine.

Wichtig zum Verständnis ist, dass wir Menschen Heuristiken brauchen. Ohne Heuristiken drehen wir durch - entweder, weil wir geistig überladen im Versuch alles umfassend-rational zu betrachten; oder, weil die Welt unberechenbar für uns wird. Heuristiken per se sind nicht schlecht. Bestimmte Heuristiken können schlecht sein. Die gilt es zu verändern. Dabei ist auch wichtig, dass kein luftleerer bzw. heuristikleerer Raum entsteht. Heißt die Heuristik wird verändert, ergänzt oder ersetzt, aber nicht ersatzlos gestrichen.

Wie lassen sich problematische Heuristiken verändern? Der schnellste Weg ist durch eine direkte Realitätstestung. Heißt überprüfen, stimmt die Annahme überhaupt? Hierbei gilt, die Vorhersagen sollen möglichst konkret sein (sonst wird rückwirkend rationalisiert), dann möglichst realitätsnah testen.
Ansonsten lassen sich Heuristiken auch "kaputtdiskutieren", sei es über die Schiene, inwieweit diese funktionieren, inwieweit es Lücken gibt, Reframingstrategien; auch sind Heuristiken anfällig für Logik und Pseudologik. Das ist aber immer eine inelegante Lösung. Besser ist es sie zu testen. Oder, bei sehr schrägen Heuristiken, in der Entstehung zu erkunden (wie kam es zu dieser Heuristik?) und die Entstehung zu bearbeiten. Auch im Sinne davon, aus einer Erfahrung andere Lehren zu ziehen, als bisher gezogen worden sind (und somit andere Heuristiken zu bekommen).

Hier sind allerdings wieder Einschränkungen. Hauptproblem, stark motivational/emotional aufgeladene Heuristiken lassen sich in aller Regel kaum direkt verändern. Hier muss die Motivation/Emotion mitgenommen werden, oder die dahinter steckende Motivation/Emotion bearbeitet werden. Weiterhin benötigt die Arbeit an Heuristiken zumindest soweit eine Einsichtsfähigkeit, dass es sich bei den geistigen Daumenregeln nicht um absolute Wahrheiten handelt. Ist diese Einsichtsfähigkeit aus welchen Gründen auch immer nicht gegeben, dann lassen sie sich wiederum nicht verändern und es muss erst die Einsichtsfähigkeit aufgebaut werden.

Schließlich noch sei angemerkt, dass Heuristiken häufig etwas von einem Eisberg haben. Ein Teil springt ein an, andere Teile jedoch nicht. Zum Beispiel die Erklärung für die Heuristik, die sich aus ihr ableitenden Folgen bei Einhaltung und Nichteinhaltung. Diese sind zum Verständnis und zur Bearbeitung wichtig.

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