Donnerstag, 23. Juni 2016

Ansatzpunkte VI

Heute: Emotionen I - Affektdifferenzierung
 
Folgende Geschichte hörte ich immer wieder, vielleicht eine urbane Legende, doch inhaltlich absolut nachvollziehbar. Nämlich soll mal jemand vor einem halben Jahrhundert untersucht haben, was die damaligen Psychotherapeuten machten, damit es den Patienten besser ging. Dafür wurden die Patienten in drei Gruppen eingeteilt, einmal denen, denen es verschiedenen Bewertungsmaßstäben allesamt nach besser ging; denen, denen es verschiedenen Bewertungsmaßstäben nach allesamt nicht besser ging; und denen, bei denen sich ein gemischtes Bild gab. Letztere wurden ausgeschlossen, und nur die komplett erfolgreichen und die komplett nicht erfolgreichen Patienten verglichen. Was machten die Therapeuten da anders?
 
Die Antwort (damals!) war frustrierenderweise "nichts". Es gab auf Seiten der Therapeuten keinen Unterschied.
 
Es gab jedoch einen Unterschied. Der lag auf Seiten der Patienten. Alle Patienten, die komplett profitierten, haben irgendwann während der Therapie auf ihre Gefühle geschaut. Heute würde man das wohl unter achtsamkeitsbasierten Übungen zusammen fassen. Schauen, was ist da gerade alles, wie verändert es sich, wie fühlt es sich wo im Körper an. Ohne Erklärungen. Ohne konkrete Benennungen. Reines Hinhorchen.

Umgekehrt haben alle Patienten, die komplett nicht profitierten, dies nicht getan. Sei es, weil sie sofort in Rationalisierungen verfielen ("ich bin wütend, WEIL..."), sei es weil sie nicht hinschauten - aus welchen Gründen auch immer. Das absolute Paradebeispiel hier ist innere Unruhe. Innere Unruhe bedeutet nichts anderes als "da sind Emotionen, aber ich weiß nicht welche".
 
Affektdifferenzierung setzt hier an, also das Unterscheiden bzw. das Unterscheiden-Lernen von Emotionen. Ohne ausreichende Affektdifferenzierung lassen sich weder Emotionen angemessen regulieren, noch die dahinter steckenden Bedürfnisse erschließen. Schlimmer noch, es werden Emotionen in einen Topf geworfen. Ich habe es sehr oft erlebt, dass bei Personen mit schlechter Affektdifferenzierung positive und negative Emotionen dieselbe Wirkung hatten - alle führten zu innerer Unruhe und/oder Emotionsabwehr. Auch die positiven Emotionen. Weiterhin führte es zu sehr starren Reaktionsmustern, da auf unterschiedliche Situationen gleich reagiert wird.
 
Affektdifferenzierung ist jedoch aus einem Grund keine einfache Sache. In aller Regel haben wir es nicht mit klar getrennten Emotionen zu tun, sondern mit Emotionsgemischen. Weiterhin lösen Emotionen wiederum Emotionen aus. Heißt das ist, je nach Person und Situation, gar nicht so einfach.
 
Die Grundform von Übungen zu Affektdifferenzierung ist eben jenes offene, nicht interpretierende Hineinhorchen. Schauen, was da überhaupt los ist. Siehe auch oben.
 
Helfen kann hier sich zum Beispiel so etwas wie einen Emotionskuchen zu malen, z.B. wie viele Tortenstücke gerade Wut, Trauer, Angst oder ähnliches sind. Oder die Emotionen in Einzelteile zerlegen, denn jede Emotion besteht aus vier Teilen. 1. Einer "Energieveränderung" (hier ist kein esoterisches Konstrukt gemeint; typisch energetisierende Emotionen sind z.B. Wut oder Furcht, die mobilisieren Kraft). 2. Die Energieveränderung bereitet einen Handlungsimpuls vor (z.B. bei Wut Angriff, bei Furcht Flucht). 3. Einer unbewussten Bewertung der Situation (siehe Rahmenspaß mit Emotionen). 4. Einer bewussten Bezeichnung. Letztere kann das Problem sein, daher kann es da auch erfolgsversprechend sein Punkt 1 und 2 direkt zu betrachtet, zudem die auslösende Situation aus der "unterbewussten" Perspektive (siehe die Logik des Alogischen) zu betrachten. Aber hier muss auch ganz klar gesagt werden, da bringt man den Kopf mit hinein. Besser ist, wenn er draußen bleibt, und die Aufmerksamkeit rein auf der Emotion bleibt. Diese Ideen, sei es die Emotionstorte oder die Emotionszerlegung, sind Stützräder.
 
Sinnvoll sind Übungen zu Affektdifferenzierungen nahezu immer, Ausnahmen siehe unten. Einerseits legt Affektdifferenzierung den Grunstein für erfolgreiche Affektregulation, andererseits wirkt sie quasi wie eine Exposition gegenüber affektphobischer Tendenzen (man kann nicht Emotionen gleichzeitig abwehren und hinein fühlen).
 
Kontraindikation (heißt absolut keine gute Idee) bei sehr starken emotionalen Zuständen, bzw. Gefahr einer Aktivierung sehr starker Zustände (auf einer 10er-Skala 7 und höher), da hier in die Emotion "gefallen" würde (das ist z.B. eine Gefahr bei Traumatisierungen). Ebenso bei psychotischen Erkrankungen (alles, was in Richtung Wahn und Sinnestäuschungen geht), da hier die emotionale Aktivierung die psychotischen Symptome verstärken kann.

Donnerstag, 2. Juni 2016

Ansatzpunkte V

Heute: Bewusstes Wissen

Wissen ist so eine Sache für sich. Dank des Internets (ich bin mir der Ironie bewusst) sollte doch jedes Wissen zugänglich sein. Ist es auch. Es ist verfügbar. Nur weil etwas verfügbar ist, heißt es jedoch noch lange nicht, dass es auch bekannt ist.

Dann, selbst wenn es bekannt ist, ist nicht klar, ob es bewusst ist. Oder machen wir es noch komplizierter. Was verfügbar ist, das sind Informationen. Wissen besteht aus verknüpften, zugänglichen Informationen.

Zudem gibt es bewusstes und unbewusstes Wissen. Das überschneidet sich zwar häufig stark, jedoch nicht immer. Klassisches Beispiel bei einer Spinnenphobie ist das bewusste Wissen "Spinne ist harmlos", das unbewusste Wissen hingegen "Spinne ist gefährlich".

Das unbewusste Wissen ist komplexer, dazu werde ich unter anderem Begriffen mehr schreiben. Das bewusste Wissen wird gern ignoriert. Sollte es aber nicht. Bei Schwierigkeiten, Problemen und Störungen bestehen oft Wissenslücken. Schafft man es diese Wissenslücken zu schließen, dann können verschiedene Sachen passieren.
- Mit etwas Glück kollabiert das Problem. Ist selten, gebe ich zu.
- Es tritt erstmals das eigentliche Problem zutage. Dies geschieht, wenn die rationalen Erklärungen nicht mehr greifen, und plötzlich die dahinter liegenden Bedürfnisse, Emotionen oder Grundüberzeugungen zum Vorschein kommen.
- Es lassen sich Mittel und Wege an die Hand geben, um das Problem selbständig zu lösen, Stichwort Rückfallprophylaxe.
- Es kommt zu einem Abbau innerer Reibung durch Normalisierung / Entpathologisierung / Erklärungsmöglichkeiten.
- Der Blick auf das Problem verändert sich, wird je nach Rahmen entweder größer, kleiner; Perspektiven verändern sich, wie auch immer.

Grundsätzlich lohnt es sich den Verstand mitzunehmen, überhaupt zu erklären, was los ist. Das durchaus auch, indem vorhandenes unbewusstes Wissen bewusst gemacht wird. Beispielsweise welchen positiven Nutzen scheinbar negative Emotionen haben - meiner Erfahrung nach wird das den allermeisten Menschen bewusst, wenn ich nur die richtigen Fragen stelle (keine Suggestivfragen, aber durchaus geleitete, welche das Muster bzw. die Rahmenbedingungen offen legen). Dieses Wissen wiederum verändert dann Einstellungen und Verhaltensweisen, welche die Emotionen betreffen. Ist nicht der schnellste Weg, aber es ist ein Weg. Und zwar einer, der mit wenig Zeitaufwand gegangen werden kann, gut zusätzlich zu anderen Interventionen. Die auch viel besser angenommen werden, wenn erklärt wird, weshalb die durchgeführt werden und wie sie wirken.

Außer man verkauft sie als Experiment, in dem Fall sollte vorher nichts erklärt werden. Aber anschließend. Wobei sich dann Menschen das oft selbst zusammenreimen können. Und darin, Stichwort Wissensbildung, sollten sie unterstützt werden.