Samstag, 26. November 2016

Ansatzpunkte einmal anders / Ansatzpunkte VIII

In gewisser Weise habe ich mich mit der Reihe "Ansatzpunkte" selbst in eine Ecke geschrieben, weil ich damit immer unglücklicher wurde. Aus mehreren Gründen:
 
1. In der Arbeit mit Menschen ist es zentral, wo derjenige zugänglich und beweglich ist. Viele Ansatzpunkte zu kennen ist deshalb an sich eine wichtige Sache, da man so nicht versuchen muss, einen Würfel durch ein rundes Loch zu quetschen. Es gibt unzählige Ansatzpunkte, aber es sind immer nur eine begrenzte Zahl zugänglich und/oder beweglich. Das "und/oder" steht da mit Absicht. Ansatzpunkte können beweglich, aber nicht mit traditionellen Methoden zugänglich sein. Oder es steht erst etwas anderes an (z.B. Beziehungsaufbau), bis sie zugänglich werden. Sie können genauso zugänglich, aber nicht beweglich sein. Hierbei sind "zugänglich" und "beweglich" keine Schwarz-Weiß-Sache, sondern eine Skala. Veränderungen können sehr schnell gehen, sie können langsam gehen, sie können auch nicht existent sein - das hängt davon ab, wie zugänglich oder beweglich ein Ansatzpunkt ist. Das geht übrigens auch in beide Richtungen. Ein Baustein von Resilienz, also der Eigenschaft mit schwierigen Situationen erfolgreich umzugehen, ist eine geringere Zugänglich- und/oder Veränderbarkeit durch Widrigkeiten.
 
2. Je sinnvoller Ansatzpunkte werden, desto komplizierter werden sie. Grund ist, dass sie meist anfangen, mehrere Aspekte zu umfassen. Nehmen wir mal eine typisch schematherapeutische Imagination, bei der in eine belastende Erinnerung reingegangen wird und der Patient angeleitet wird seinem in der Erinnerung verletzten Selbst entlastend gegenüber aufzutreten. Darin findet sich kognitive Umstrukturierung (der Situation gegenüber), Beziehungsgestaltung sich selbst gegenüber, Aufbau von Kompetenzen auf Verhaltens- und emotionsregulatorischer Ebene, Beziehungsgestaltung verinnerlichten äußeren negativen Anteilen gegenüber, metakognitiver Kompetenzen, und noch einiges mehr. Die allermeisten Interventionen, egal ob vorgefertigt aus irgendeinem Verfahren oder selbst zusammengebraut, umfassen mehrere Ansatzpunkte.
 
3. Dieser Kombinationscharakter hat Vorteile, er hat aber auch Nachteile. Hauptnachteil ist, wenn in einer Intervention irgendein Ansatzpunkt ist, der bei einer Person komplett blockiert ist, dann scheitert meiner Erfahrung nach oft die gesamte Intervention. Anders ist es natürlich, wenn ein Ansatzpunkt lediglich schwierig ist, dann klappt es eben durch den Kombinationscharakter doch; nur eine komplette Blockade tritt dieser Effekt ein. Nun kann es passieren, dass man zwar als Ansatzpunkt z.B. Emotionen gewählt hat, da aber ein kleiner Anteil Metakognition drin ist, dieser blockiert ist, und dann zum Nichterfolg führt.
 
4. Dummerweise gibt es nicht nur die Frage der Ansatzpunkte, sondern auch der Änderungsbereitschaft. Letztendlich die Frage der Motivation. Auf einer Veranstaltung zum Thema Rauchentwöhnung sagte mal jemand lakonisch, die eigentliche Arbeit ist die Motivationsklärung VOR der offiziellen Intervention. Da ist was dran.
 
5. Und dann gibt es auch noch so Eigenheiten unseres Gehirns. Klassisches Beispiel bei phobischen Ängsten (z.B. Spinnenphobie; also Ängste, wo wir rein verstandesmäßig wissen, die sind unbegründet), da lässt sich wunderbar mit unterschiedlichsten Ansatzpunkten arbeiten (Zugänglichkeit), aber der einzige, der wirklich zu einer Bewegung führt, der wird in aller Regel vermieden und ist nicht zugänglich. Womit wir, genauso wie im vorigen Punkt, bei der Treppenmetapher sind, welche Schritte sind jetzt möglich? Und welche Schritte sollen möglich gemacht werden?
 
6. Zu manchen Ansatzpunkten kann ich bestenfalls nur ein paar Zeilen schreiben, keinen ganzen Beitrag. Zu anderen mag ich einfach nicht viel schreiben. Und zu anderen müsste ich, um sie halbwegs vernünftig vorzustellen, halbe Romane schreiben. Manche halte ich auch für schwierig ohne Referenzerfahrungen darzustellen.
 
Heißt also, insgesamt, ich befinde mich in einer Ecke. Daher auch schon lange keine Beiträge mehr. Entsprechend der Befreiungsschlag! In einem letzten Teil werde ich noch einige weitere mögliche Ansatzpunkte kurz vorstellen, und das war es dann mit dieser Reihe.