Sonntag, 31. Dezember 2017

Und täglich grüßt das Murmeltier

Ein Film, den ich sehr mag, ist "und täglich grüßt das Murmeltier". Das nicht nur wegen des Humors. Auch zwischen dem, was im Film zwischen den Zeilen abläuft. Oder besser gesagt, was im Film auf der Meta-Ebene passiert. Da steckt, finde ich, überraschend viel Weisheit drin. Gerade wenn man den Film auch betrachtet als Parabel in Bezug auf Lebenskrisen vom Typ "Midlife-Crisis" und ähnliches.

Schon vor der Endloszeitschleife ist der Protagonist nicht glücklich, merkt es jedoch nicht. Erst als sich alles immer und immer und immer wieder wiederholt, bemerkt er sein Unglücklichsein. Sicher in einem völlig skurrilen Kontext; aber, wenn ich mit Menschen in bestimmten Lebenskrisen stecken, dann beschreiben sie letztendlich dasselbe. Auch wenn sich nicht der spezielle Tag wiederholt, so sind die Tage doch allesamt gleich, nur von kurzen Lichtblicken (z.B. Urlaub) durchbrochen.

Was macht der Protagonist? Zuerst geht er auf Angriff über. Versucht im Außen aus dem Leid zu fliehen. Erst sehr wörtlich, dann auch übertragen. Er sucht nach Glück im Außen - Geld, Frauen, Bewunderung. Das ganze durch Tricks, Betrug, Abkürzungen. Macht ihn auch allesamt nicht glücklich.

Stürzt dann in eine tiefe Krise. Nach der Krise fängt er an Anteile seiner selbst auszubauen, die von Anfang an vernachlässigt waren. Er lernt im Laufe des Films unter anderem Achtsamkeit, Mitgefühl, Dankbarkeit, Orientierung auf den Augenblick (statt auf das Ergebnis), das Loslassen der eigenen Maske. Anfangs wirkt der Protagonist zwar sehr egozentrisch, doch ist er eigentlich gar nicht bei sich. Zum Ende hin ist er es viel mehr. Und dann erst findet er zu einem besseren Leben.

Letzteres ist - Hollywood - zwar mit einer typischen Romanze verbunden. Jedoch war er bereits vor dieser, und bevor die Endlosschleife aufhörte, wieder deutlich glücklicher.

In dem Film steckt die Idee, dass uns, wenn wir eine Leere im Leben wahrnehmen, nicht schauen sollten, "wie kann diese Leere im Außen gefüllt werden?"; sondern, was fehlt uns, um die vielen kleinen und großen Wunder und Chancen und Gelegenheiten um uns wahrzunehmen und zu nutzen? Um dann das Leben führen zu können, das wir uns wünschen?

In dem Sinne frohes neues Jahr!

Sonntag, 24. Dezember 2017

Frohe Weihnachten 2017

Was ist Weihnachten? Ich finde so Infotainmentprogramme recht putzig, welche diese Frage Passanten auf der Straße stellen. Und dann Antworten kommen, welche von "da bekommt man Geschenke" bis hin zu "da wurde der Weihnachtsmann geboren" reichen. Ebenso putzig finde ich Dokumentationen über das Leben Jesu. Oder geschichtliche Betrachtungen über altrömische Winterfeste, welche möglicherweise vom aufstrebenden Christentum übernommen worden sein könnten. Genauso die Frage, was Tannenbäume mit einer Geburt in Israel zu tun haben - sollten wir nicht alle geschmückte Palmen im Wohnzimmer stehen haben?

Ich behaupte, Weihnachten im Kern ist nichts von alledem. Ich glaube, Weihnachten ist in mehrfacher Hinsicht etwas sehr persönliches.

Eine Sammlung unzähliger Traditionen. Sowohl gesellschaftlich (z.B. die Tannenbäume), kulturell (der religiöse Kontext, so dieser überhaupt betrachtet wird), am wichtigsten aber familiär. Fast jeder Mensch, den ich kennenlernte, berichtet von familiären Traditionen. Und sei es nur das ganz spezielle Weihnachtsessen.

Diese Traditionen bieten auf seltsame Art und Weise Halt. Sie sind ein Glied zur Vergangenheit. Lassen sie wieder lebendig werden. Und gleichzeitig erlauben neue Traditionen Brücken zur eigenen Zukunft zu spannen. In einer Partnerschaft z.B. die Traditionen der beiden Elternhäuser zu kombinieren, und dazu noch eigene hinzuzufügen. Hier verbindet sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Weihnachten ist auch eine Gelegenheit. Eine Gelegenheit für viele verschiedene Dinge. Für manche die Gelegenheit mit Familien und Freunden zusammenzufinden. Für andere innezuhalten, zu bemerken, was gerade wichtig ist im Leben - und inwieweit einem das vergangene Jahr dem näher oder ferner gebracht hat. Hier denke ich sogar, dass die deutliche Kommerzialisierung dazu beiträgt - denn die allermeisten Geschenke begleiten uns nur ein mehr oder weniger kurzes Stück auf dem Weg unseres Lebens. Momente, Erfahrungen, Erinnerungen, die bleiben viel, viel länger. Genauso kann Weihnachten die Gelegenheit sein wieder Vorfreude zu empfinden, zu erleben. Mehr in Kontakt zu kommen mit alten (oder sollte ich schreiben jungen?) Anteilen, die im Alltag oftmals viel zu sehr im Hintertreffen geraten.

Für mich ganz persönlich hat Weihnachten auch etwas mit Loslassen zu tun. Und ich meine jetzt nicht (nur) beim Geschenkeverteilen das Päckchen loslassen. Auch Dinge zurücklassen, Ärger, Frust, Verletzungen, die sich nicht lohnen in das kommende Jahr mitzunehmen. Stichwort Rückbesinnung auf das, was einem selbst wichtig ist. Wer loslässt, hat beide Hände frei. Wir leben in diesen einen gegenwärtigen Moment, und in diesem Moment treffen sich Erinnerungen aus der Vergangenheit, und Träume von der Zukunft.

In dem Sinne wünsche ich frohe Festtage 2017!

Sonntag, 19. November 2017

Wege

Stellen wir uns vor, das Leben sei ein Weg. Dann ist das ein Weg, auf dem es viele Arten von Schwierigkeiten geben kann. Das Leben kann durch Wüsten, Sümpfe und andere Ödländer führen. Dann stellt sich die Frage, wie dort heraus kommen? Oder wie die Zeit dort durchstehen, nutzen? Manche Menschen leben auch in Träumen von Oasen, ohne sich dorthin bewegen. Andere in Alpträumen von Wüsten und Sümpfen, ohne zu merken, dort nicht zu sein. Möglicherweise erwarten sie Sümpfe und Wüsten, möglicherweise nicht. So oder so verpassen sie den Weg rundherum. Manche Menschen haben sich in eine Blase zurückgezogen, tragen so immer Sumpf oder Wüste mit sich, egal, wo sie sind. Manche Menschen gehen an unzähligen Weggabelungen und Möglichkeiten vorbei, und sehen sie nicht, denn für sie gibt es nur einen Weg. Einige haben auf ihren Wegen den Kompass verloren, oder gar eine falsche Karte, und gelangen so nie dahin, wo sie hin wollen. Durschreiten nicht die Landschaften, welche sie durchleben wollen. Manche sind von ihren Wegen geworfen worden, und es gilt jene wiederzufinden. Und manchen fehlen Fähigkeiten, um ihre Wege zu gehen.

Bei dieser Frage geht es gar nicht einmal um das Ziel des Weges. Der Weg ist Ziel an sich. Im Sinne von kann jemand darauf zurück schauen und sagen "gut so", oder auch nur "bei all dem, was auf dem Weg war, bin ich satt geworden?"

Sonntag, 22. Oktober 2017

Achtsamkeit im Prisma

Achtsamkeit erfreut sich wachsender Beliebtheit. Zur Stressreduktion. Zur Unterstützung therapeutischer Prozesse. Zur Steigerung der Lebensqualität. Aus spirituellen Gründen. Und aus vielen weiteren. Gerade in vielen mehr oder weniger neueren therapeutischen Ansätzen finden sich auch achtsamkeitsbasierte Elemente (um mal zwei Abkürzungen zu nennen so z.B. im DBT und im ACT).

Meiner Beobachtung nach können sich Menschen unterschiedlich gut auf Achtsamkeit einlassen. Was einen einfachen Grund hat, über den ich seltsamerweise bisher noch nichts gelesen habe.

Achtsamkeit trainiert mehrere für das Wohlbefinden zuträgliche Fähigkeiten gleichzeitig. Das ist gut, da hier mit einer Übung mehrere Sachen gleichzeitig erreicht werden. Quasi wie so eine Kombi-Impfung. Gleichzeitig bedeutet dies jedoch auch, wenn Menschen in mehreren Fähigkeiten, die Achtsamkeit trainiert, Schwierigkeiten haben, dass klassische Achtsamkeitsübungen überfordern können.

In so einem Fall ist mein Ansatz zu schauen, welcher Teilbereich von Achtsamkeit besonders hilfreich sein könnte. Und dazu mögliche Übungen anzubieten. Die teilweise mit "klassischer" Achtsamkeit (z.B. Achtsamkeitsmeditation) nur mehr gemein zu haben scheinen. Auf den ersten Blick.

Also, legen wir einmal Achtsamkeit vor ein Prisma. Welche Farben kommen dann heraus?
Ich finde 6 besonders wichtig.

1. Metakognition (übersetzt das "Denken über das Denken", anders formuliert sowohl die Wahrnehmung innerer Prozesse als auch die Art und Inhalt des Denkens über innere Prozesse). Das ist auch das, was die meisten Menschen bei Achtsamkeit frustriert. Und was gleichzeitig unendlich schade ist, da es selten vernünftig erklärt wird. Typisch ist, jemand setzt sich zum Beispiel hin, will sich X Minuten auf den Atem konzentrieren. Bemerkt, die Gedanken schweifen immer ab. Glaubt, es läuft falsch, er könnte das nicht. Frust.

Wobei in Wirklichkeit alles perfekt gelaufen ist. Die Fähigkeit zur Metakognition wird dadurch trainiert, dass die Gedanken abschweifen, und man dies bemerkt. Ein Bewusstsein für die Frage "was mache ich gerade?" ausbaut.

Alles, was auf die Frage "was mache ich gerade?" hinaus läuft, wie zum Beispiel das Gewahrwerden, die eigenen Gedanken sind ja gar nicht mehr beim Atem, steigert die metakognitiven Fähigkeiten. Heißt wo die Leute glauben, sie machen etwas falsch, machen sie in Wirklichkeit alles richtig!
Weshalb also nicht ein Spiel daraus machen, wie häufig sich jemand erwischen kann, wenn er abdriftet?

Wenn schon das "zu viel" ist, dann mit Spielen verbinden, bei denen die Frage "was mache ich gerade?" (egal ob in Bezug auf die Außen- oder Innenwelt) im Zentrum steht. Auch zum Beispiel alles, was einem die eigenen Bewertungsprozesse bewusst macht (z.B. Übungen in der Anwendung des ABC-Schemas, also z.B. eine Tabelle mit "Auslöser, Bewertung, CKonquequenz" und durchspielen, wie unterschiedliche Bewertungen andere Folgen haben) trainiert metakognitive Fähigkeiten. Metakognition ist das, was wie ein Fuß in der Tür automatisierter Prozesse wirkt.

2 & 3. Gegenwartsorientierung und Sinnesorientierung. Achtsamkeit bedeutet seinen Fokus auf gegenwärtige Prozesse zu richten. Sei es der Atem, seien es andere körperliche Wahrnehmungen, oder seien es auch geistige Vorgänge. Auch zum Beispiel Genusstrainings haben hier eine deutlich achtsame Komponente, denn ohne ein Mindestmaß an Gegenwartsorientierung und Sinnesorientierung (also "was passiert gerade JETZT?" und "was nehmen meine Sinne wahr?") ist auch Genuss nicht wirklich gut möglich.

Manche Menschen sind nun sehr weit entfernt von körperlichen Wahrnehmungen. So etwas wie den eigenen Atem zu spüren? Riesige Herausforderung. Da können genauso andere Sinneseindrücke genutzt werden. Die zugänglicher und/oder stärker sind.

Genauso trainieren diesen Punkt auch alles, was die Welt rund um einen wahrnimmt. Zum Beispiel die "5er-Übung" (5 Dinge wahrnehmen, die du siehst. 5 Dinge wahrnehmen, die du hörst - weniger ist OK, kann ja Stille sein. 5 Dinge wahrnehmen, die an Hautempfindungen da sind. Dann in der selben Reihenfolge 4 Dinge, 3 Dinge, 2 Dinge und ein Ding. Dasselbe erneut wahrzunehmen ist OK). Ebenso Übungen, bei denen es etwas zu entdecken gilt (z.B. 3 positive Dinge pro Tag wahrnehmen).

4. Parasympathische Aktivierung. Anders formuliert, Entspannung. Bei den allermeisten Menschen führen Achtsamkeitsübungen, sofern es nicht durch problematisch gesetzte Ziele zu Frust kommt, zu einer Aktivierung des parasympathischen Nervensystems. Heißt die Entspannungsfähigkeit steigt. Wenn nun jemand jedoch ein dauerhaft übermäßig aktiviertes sympathisches Nervensystem hat (also das Stress-System in Endlosschleife arbeitet), dann ist erstmal wichtig zu vermitteln, dass Achtsamkeit auch ohne Entspannung geht. Möglicherweise die Blockaden erkunden, weshalb das Stress-System so aktiv ist. Zur Unterstützung körperorientierte Entspannungstechniken vermitteln (z.B. progressive Muskelentspannung). Oder, ganz fies, die Anspannung als Fokus nehmen. Ist der Arm so angespannt wie die Brust? Der Oberarm so wie der Unterarm? Die Hand so wie die Fingernägel? Allein wenn dies achtsam betrachtet wird, reduziert sich oft die Anspannung*. Weshalb dann sagen, dass gefälligst der Atem betrachtet werden soll?

* = Anmerkung, bei Anspannung auf einer 10er-Skala (von 0 = tiefenentspannt bis 10 = maximale Anspannung) gilt gemeinhin jedoch ab einer Anspannung ab 7 und höher, dass akute Regulationsmechanismen, also z.B. DBT-Skills, anzuwenden sind und keine Achtsamkeitsübungen, da die Gefahr zu groß ist sich in der Anspannung zu "verlieren".

5. Veränderungswahrnehmung. Nichts bleibt je gleich, alles verändert sich. Dinge kommen, Dinge gehen. Sowohl Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen, genauso wie alles in der Welt um uns herum. In Achtsamkeitsübungen wird dies erfahrbar. Sind die Sinne dafür jedoch nicht "scharf" genug, weshalb nicht spielerisch aufgeben größere Veränderungen in der Welt oder bei sich selbst wahrzunehmen? Auch z.B. das Führen von Spannungs- und Schmerzkurven erfüllt diesen Zweck.

6. Selbstfürsorge. Ganz knapp gesagt, da tut man etwas für sich. Das ist immer gut.
Ich glaube nicht einmal, dass das alles ist. Bei weitem nicht. Vermutlich würde mir noch viel mehr einfallen. Nur was ich als Anregung mitgeben möchte, ist, dass Achtsamkeit nicht klassische Meditation sein muss. Selbst so etwas wie mit voller Wahrnehmung und Genuss einen Cappuccino in einem Kaffee zu trinken, den Geschmack wahrzunehmen, sich der Sonne auf der Haut bewusst zu sein, auch darin steckt schon Achtsamkeit.

Ich hörte einmal, allerdings zugegebenermaßen von einem buddhistischen Mönch, Achtsamkeit wäre im Leben die wichtigste Fähigkeit. Hier möchte ich jedoch eine andere Idee einbringen, Achtsamkeit vereint viele wichtige Fähigkeiten.

Jede einzelne dieser Fähigkeiten ist, finde ich, wichtig.

Samstag, 12. August 2017

Eine etwas andere Pillenfrage

Ein Gedankenexperiment, bei dem ich mich (sehr!) frage, wie es ausgehen würde - wenn es denn je in der Form möglich wäre.

Stelle Dir vor, ein beliebiger Patient mit einer eher chronischen Erkrankung kommt zu einem Arzt. Der Arzt untersucht den Patienten und sagt "okay, die Beschwerden lassen sich stark lindern oder sogar komplett beheben. Jedoch müssen sie diese Pille nehmen. Dreimal täglich. Wenn sie die Pille nehmen, wird es ihnen 10 Minuten lang zwar nicht schlecht gehen, jedoch werden sie nichts machen können - und es wird möglicherweise so unangenehm sein wie den Hausputz zu machen. Auch eine Warnung, die Pille ist keine Schmerztablette. Sie wirkt erst nach ein paar Wochen, und muss möglicherweise für den Rest ihres Lebens genommen werden."
(Alternativen: Eine Pille pro Tag, dafür 30 Minuten weg. Oder eine Pille nehmen, dafür wegen Wechselwirkungen auf manche Sachen, z.B. Genussgifte, verzichten.)

Ich frage mich, wie viele Patienten die Pille nehmen würden.

Der Grund, weswegen ich dieses Gedankenspiel habe, ist einfach. Ich erlebe in der Arbeit mit Menschen ganz grob gesagt drei Personengruppen.

- Gruppe 1 macht nichts.
- Gruppe 2 macht etwas, bis die Beschwerden nachlassen. Und hört dann wieder auf.
- Gruppe 3 macht etwas, merkt es wird besser, macht es weiter.

Wenig überraschend profitiert Gruppe 3 am meisten. Nun bin ich kein Arzt, und ich habe nichts mit Pillen zu tun. Jedoch vergebe ich durchaus auch mal bittere Pillen. Sei es im Bereich Übungen zur Affektregulation, zur Anspannungsreduktion, zur Einübung neuer Denk- und Verhaltensweisen, zur Selbstwertregulation, zur Wahrnehmungslenkung, zum wohlwollenderen Umgang mit der eigenen Person, zur Steigerung metakognitiver Fähigkeiten und sehr, sehr viel mehr.

Es gibt für das Verhalten von Gruppe 1 und 2 gute Gründe. Deshalb finde ich das Gedankenexperiment so interessant. Beispielsweise setzt die Pillenfrage den Punkt Selbstwirksamkeitserwartung außer Kraft - nicht man selbst ist für die Besserung verantwortlich (also das eigene Verhalten), sondern die Pille. Und genauso, wenn es nicht klappt, ist auch die Pille schuld. Genauso muss bei der Tablettenfrage ein eigener Perfektionist nicht gemanaged werden (welcher gerade bei Übungen bezüglich innerer Prozesse oft ein riesiger Störenfried ist). Daher frage ich mich, ob unter diesen Vorzeichen mehr Menschen sich darauf einlassen würden.

Nun ja, ein Kollege meinte mal 80% der therapeutischen Arbeit wäre Motivationsaufbau. Dem stimme ich zwar nicht 100% zu, jedoch ahne ich, weshalb er dies sagte.

Mittwoch, 5. Juli 2017

Das Rohari-Fenster

Eine kleine Idee mit vier Feldern. Irgendwie scheinen Psychologen vier Felder zu mögen. Jedenfalls bezieht sich das Roharifenster auf Gruppensituationen. Völlig egal was für Gruppen, jedoch besonders bedeutsam in therapeutischen Kontexten. Es geht nämlich darum wer etwas weiß, oder eben nicht weiß.

Der Aufbau des Roharifensters sieht etwa so aus:

| Feld 1 | Feld 2 |
_____________
| Feld 3 | Feld 4 |

- Feld 1 ist die öffentliche Persona. Das, was man selbst von sich weiß und nach außen hin zeigt. Quasi die Geschichte von uns über uns, die wir der Welt zeigen.
- Feld 2 ist das Geheimnis. Das, was wir über uns wissen, jedoch von der Welt verbergen.
- Feld 3 ist der blinde Fleck. Das, was andere sehen, wir jedoch selbst nicht wahrnehmen.
- Feld 4 ist das große Fragezeichen. Das, was wir selbst nicht wissen, und andere nicht wahrnehmen können.

Hier gibt es nun ein Problem, die Felder sind nicht unabhängig voneinander. Offenkundig ist, je größer die öffentliche Person ist, desto kleiner das Geheimnis und umgekehrt. Dies wirkt sich jedoch auch direkt auf die Felder darunter aus. Je kleiner die öffentliche Persona, desto geringer der Blick anderer in den blinden Fleck. Desto größer auch das große Unbekannte.

Nun ist es so, wenn wir es mit Problemen zu tun bekommen, dann lösen wir die entweder selbst - oder die Lösung liegt außerhalb unserer Bewusstheit. Heißt je kleiner die öffentliche Persona ist, desto kleiner die Chance, dass irgendein anderer helfen kann.

Therapeutisch tätige Personen haben den Vorteil, dass erfahrungsgemäß gute Ahnungen da sind, was einerseits bei einem bestimmten Problem in Feld 2 vorgehen könnte, und was dahinter stecken mag. Bloß setzt auch das Interaktion und einen entsprechenden Auftrag voraus.

Lange Rede kurzer Sinn. In Interaktionen haben wir die Wahl, wie viel wir von uns zeigen. Dies hat Vorteile, dies hat Nachteile. Wichtig ist abzuwägen, was man will. Sich kaum zu zeigen hat Vorteile, jedoch passende Hilfe zu erhalten gehört nicht dazu. Leider erlebe ich es sehr oft, dass diejenigen, die sich am wenigsten zeigen (und daher auch am wenigsten profitieren), am Ende am lautesten sich beschweren, dass welcher Prozess auch immer nichts gebracht habe. Hm.

Mittwoch, 31. Mai 2017

Trägheit

Eine Szene und drei zusammengehörige Fragen. Die Szene, stelle Dir vor, du fährst mit dem Auto. Vollgas auf der Autobahn. Freie Strecke. Vielleicht so mit 150 km/h. Und dann...

(Frage 1) ... passiert was, wenn Du vom Gas herunter gehst?

(Frage 2) ... passiert was, wenn Du vom Gas herunter gehst und bremst?

(Frage 3) ... passiert was, wenn das Auto schlagartig anhält?

Nicht nur in der Physik gibt es den Effekt der Trägheit, der zweierlei bewirkt. Erstens kostet es mehr Kraft etwas in Bewegung zu setzen als die Bewegung aufrecht zu erhalten, das ist ein Thema der Motivation. Zweitens, was häufig übersehen wird, hält Trägheit auch Bewegungen aufrecht. Im Falle von Frage 1 wird das Auto langsam langsamer. Im Falle von Frage 2 wird das Auto schnell langsamer, dabei jedoch auch je nach Bremssystem möglicherweise schwieriger zu kontrollieren. Im Falle von Frage 3 zerlegt es den Fahrer. Wie mal jemand so schön sagte "es ist nicht zu hohe Geschwindigkeit, die tötet. Es ist der plötzliche Stopp".

Wenn wir es mit psychischen Vorgängen zu tun haben, dann gibt es auch eine Art Trägheit. Nimmt man einem Problem die Grundlage (= geht vom Gas), dann verschwindet es oft nicht sofort, sondern wird langsam besser. Auch wenn aktiv gegengesteuert wird, also auf die Bremse gestiegen wird, dann gibt es auch oft keinen sofortigen Stopp.

Tatsächlich kann ein sofortiger Stopp auch Probleme bereiten. Hier gäbe es mehrere denkbare Umgangsstrategien. So könnte der Wagen zudem auf einen anderen, sinnvolleren Kurs gebracht werden, heißt mit (statt gegen) dem Problem zu arbeiten. Weiter könnte über diesen Trägheitseffekt aufgeklärt werden und diesem mit Wohlwollen begegnet werden. Drittens könnte auch Achtsamkeit helfen, um die Fortschritte zu sehen - der Blick weg von "ich stehe noch nicht" hin auf "ich werde langsamer" richten.

Samstag, 29. April 2017

Die Legende des rosanen Elefanten

"Denke nicht an einen rosanen Elefanten! Egal woran du denkst, denke nicht an einen rosanen Elefanten mit kleinen rosanen Stupsfüßchen, einem rosanen Rüsselchen, das er um ein Gänseblümchen wickelt. Denke nicht an den rosanen Elefanten!"

In aller Regel führt dies dazu, dass die betroffene Person an einen rosanen Elefanten denkt. Es wird gern von uns Psychos dafür benutzt um zu zeigen, dass das Wort "nicht" vom Gehirn, bzw. von nichtsprachlichen Teilen des Gehirns, nicht verarbeitet wird. Sondern das Gegenteil passiert.

Problem dabei ist nur, es handelt sich hier um eine Legende. Eigentlich laufen hier nämlich ein paar viel komplexere Vorgänge ab.

1. Zwar kann ein "nicht" durchaus verarbeitet werden, jedoch muss zuerst das im Geist sein, was "ver-nicht-et" werden soll. Heißt ist kein rosaner Elefant da, muss erst einer erschaffen werden, damit das Wort "nicht" einen Sinn ergibt.
(Ganz allgemeiner Lebenskniff, wenn jemand also ohne vorher dazu aufgefordert war sagt, dass er etwas nicht vorhat, nicht tut, wie auch immer, dann war das vorher gedanklich sehr wahrscheinlichst da.)

2. Es wird eine Art mentaler Kampf angefacht. Das ist, was zum rosanen Elefanten führt. Nicht das "nicht". Beispiel, wenn dir jemand von einem Urlaub am Strand erzählt und sagt, da "war nicht eine Wolke" am Himmel, führt das dann dazu, dass du dir vorstellst, wie derjenige bei einem stürmischen Gewitter im Meer war? Nein. Der Fokus wird beim rosanen Elefanten auf das zu "ver-nicht-ende" Gedankenkonstrukt gelegt. Deshalb bleibt es so massiv da.
Dies ist übrigens genau das, was Menschen tun, die Gedanken oder Ideen oder Emotionen oder wie auch immer weghaben wollen - sie richten ihre geistige Energie darauf. Das ist, weshalb der in Schritt eins erschaffene rosane Elefant stabilisiert wird.

Heißt insgesamt das "nicht" ist gar nicht das Problem. Es ist die Art, wie mit dem umgegangen wird, was "nicht" sein soll. Wird keine Energie reingesteckt (Stichwort der wolkenlose Himmel im Urlaub), entfaltet es keine Macht. Tatsächlich deaktiviert in dem Fall, wenn etwas zu "ver-nicht-endes" da war das "nicht" dies sogar (beispielsweise wenn du bei der Urlaubserzählung wirklich zuerst an einen bewölkten Tag gedacht hast und dann hörst, da waren keine Wolken).

Problem ist die Energie, die dagegen gesetzt wird, bzw. die beim rosanen Elefanten auf den Elefanten gerichtet wird. Sinnvollere Strategien sind entweder die Energie zu entziehen, heißt die Aufmerksamkeit woanders hin zu richten. Oder den Elefanten zu verwandeln. Oder auch nur den Elefanten wie eine Wolke vorbeiziehen lassen. Oder auch sehr viel mehr.
Keine Ahnung, ob du noch über Möglichkeiten nachdenkst, wie der rosane Elefant nicht dableiben könnte.

Mittwoch, 19. April 2017

Ein Besuch am Fischteich, oder auch Gedanken zu selbstangeleiteten imaginativen Verfahren...

Es gibt imaginative Übungen, die sich gut selbst durchführen lassen. Paradebeispiel sichere Ort, Ressourcenräume und viele mehr. Die funktionieren dadurch, dass der Raum selbst positiv emotional besetzt ist. Jedoch lassen sich solche imaginativen Übungen zwar gut zum Ressourcenaufbau nutzen, sie verändern jedoch nicht nennenswert die eigene bewusste und/oder unbewusste Landschaft. Dabei ist es doch - manchmal - so, dass sich dafür eine Gelegenheit ergeben kann.

Dafür sind jedoch einige Ideen wichtig, die frei im Raum schwebend schwierig zu verstehen sind. Daher nehme ich an dieser Stelle ein persönliches Beispiel. Da ich einige schwierige Tage hinter mir hatte habe ich am Samstag eine Übung gemacht, die eigentlich nur zum eigenen Herunterkommen durchführte - die jedoch eine tiefgreifende Wendung nahm.

Am Anfang hatte sie etwas vom sicheren Ort, wobei ich hier jedoch einen dynamischeren, kreativeren Ansatz bevorzuge. Heißt nicht einen bestimmten Ort, sondern jeweils vom Unbewussten einen Ort wählen lassen (im Sinne von schauen, was kommt) und diesen dann stabilisieren (was sehe ich, höre ich, rieche ich, fühle ich, welche Details sind da?).

-> Idee I: Zusammenspiel von bewussten und unbewussten Anteilen ist wichtig. Rein bewusste Räume sind zu stabil, da passiert nichts Unerwartetes, daher kaum Raum für Wachstum. Rein unbewusste Räume sind zu instabil, daher ist da kaum Wachstum möglich. Zufall zulassen, diesen jedoch bewusst zu stabilisieren, hingegen kann einen Raum erschaffen. Betonung liegt auf "kann", bei selbstangeleiteten imaginativen Verfahren bewegt man sich auf einem Drahtseil zwischen zu wenig Kontrolle (=Chaos) und zu viel Kontrolle (=Stasis), wobei klassische therapeutische Anwendungen extrem Richtung Stasis gehen. Mit dem, was jenseits der Stasis hochkommen kann, sollte man jedoch umgehen kann, wenn ein gemischterer Ansatz gewählt wird.

Bei dem Ort handelte es sich um den Wohnort meiner Großeltern, was erst einmal seltsam war, da dieser Ort in meinem Bewusstsein sehr durchwachsen besetzt ist. In der Imagination hingegen war das Gefühl erst rein positiv.

-> Idee II: Bewusste und unbewusste Bewertungen können unabhängig voneinander sein.
Erst wanderte ich herum, was die positive Stimmung verstärkte.

-> Idee III: Bewegungen in Imaginationen verstärkt das, was auch immer da ist. Übrigens, deshalb sind Alpträume, in denen man flieht, so übel. Da wirkt dasselbe Prinzip.

Dann gab es da einen Fischteich. Und da gab es zwei Besonderheiten. Erstens, Bewegung. Zweitens, etwas, was nicht da sein sollte.

-> Idee IV: Bewegung und Unerwartetes deutet darauf hin, dass da das Unbewusste aktiv ist. Hier ist eine Möglichkeit zum Wachstum.

In dem Fall war es ein großer, dunkler Fisch. Wie ein schwarzer riesiger Goldfisch. Allein dessen Anwesenheit war zutiefst verstörend, unangenehm. Ich blieb. Setzte mich. Akzeptierte, dass der Fisch da war.

-> Idee V: Im Zweifel mit unbewussten Bildern in Imaginationen wohlwollend achtsam umgehen, damit "sitzen". Nicht weglaufen, nicht kämpfen, nicht verändern wollen. Ein wichtiger Aspekt in imaginativer Arbeit ist es den eigenen Umgang mit dem Unbewussten zu verbessern. Im Zweifelsfall wohlwollende, achtsame Aufmerksamkeit.

Daraufhin änderte sich die ganze Stimmung. Es wurde dunkel, Gewitter zogen auf, es regnete, stürmte. Ich blieb weiter achtsam sitzend.

-> Ergänzung zu Idee V: Nur weil das bewusste Selbst wohlwollend achtsam ist, kann es das Unbewusste dennoch krachen lassen. Kurzfristige Verschlechterungen, gerade wenn etwas mit Schmerzpunkten besetzt ist.

Dann aber veränderte sich der Fisch. War kurzfristig etwas ganz anderes. Und da... löste sich bei mir ein großer Knoten. Gedanklich. Emotional. Das ganze Bild veränderte sich, wurde strahlend. Und ich hatte die darauf folgende halbe Stunde in so etwas wie Euphorie verbracht. Auch jetzt noch wirken die Ideen aus diesem Ereignis nach.

-> Idee VI und Anmerkung: Das hatte mich selbst überrascht, da sonst noch weitere Interaktionen notwendig sind. Eine davon habe ich danach noch ausgeführt, nämlich dem Fisch ein Geschenk geben. (Geschenke fordern und Geschenke geben ist zum Beispiel eine dieser Interaktionen.)

Freitag, 31. März 2017

Übung in Rahmenerkennung II

... und nun schauen wir uns den vorausgegangenen Beitrag mal an. Und zwar unter dem Blickwinkel, wo dort wie mit Rahmen gespielt worden sein könnte.
 
Ungeordnet:
- An einer Stelle findet sich eine "Emser Statistik"; nämlich da, wo über die vier Subgruppen berichtet worden ist. Zitat:
Jetzt zoomen wir hier aber einmal kurz heraus, denn so klar ist das Ergebnis dann doch nicht. Es fanden sich nämlich in nahezu jeder Studie vier Untergruppen:
- eine Gruppe wird im Laufe der Jahre spürbar besser.
- eine Gruppe wird im Laufe der Jahre etwas besser.
- eine Gruppe wird im Laufe der Jahre etwas schlechter.
- eine Gruppe wird im Laufe der Jahre erheblich schlechter.

 
Das stimmt zwar. Unerwähnt blieb jedoch, dass die vier Gruppen im Schnitt andere Erfolge zu Beginn haben. Die Aussage aus dem Zitat verändert sich fundamental, je nachdem, welche Startpositionen die einzelnen Untergruppen haben.
 
- Der Beitrag betreibt durch Vorabrahmensetzung deutliche Aufmerksamkeitslenkung. Sämtliche möglichen Erklärungen befassen sich mit personellen Faktoren (also was könnte bei den frischen Therapeuten los sein, dass sie bessere Ergebnisse erzielen) statt, was gerade bei so einem konsistent gefunden Ergebnis wichtig wäre, auch systemische Aspekte mit einzubeziehen (anders gedacht, es könnte personenunabhängige Faktoren geben, die für einen Abwärtstrend verantwortlich sind; Stichwort Weiterbildungsaufbau und -Inhalte). Dies ist völlig wertfrei zu verstehen, ich weiß nicht, wie die Studienergebnisse zu erklären sind, ob es an persönlichen oder systemischen Faktoren (oder einer Mischung aus beiden) liegt. Der Beitrag sollte nur demonstrieren, wie einfach offensichtliche Aspekte unter den Tisch fallen können.
 
- Der Beitrag ist ein impliziter Seitenhieb auf nichtexperimentelle Designs. Experimentelle Designs sind zwar oft weltfremd und erlauben nur Aussagen über wenige isolierte Faktoren, diesbezüglich jedoch mit einigermaßen hoher Sicherheit. Der Beitrag war (Stichwort Rahmensetzung) eine lange Kritik an Feldstudien, ohne dies irgendwo als solches zu erwähnen. Die Vorteile von experimentellen Designs wurde jedoch im Beitrag nicht erwähnt; tatsächlich wurden entsprechende Forschungsmöglichkeiten nicht einmal angesprochen. Anmerken muss ich hier jedoch, dass sich bei dieser Fragestellung keine experimentellen Designs verwirklichen lassen, hier sind allein Feldstudien möglich. Es sollte demonstrieren, dass implizite Kritik oft wirksamer ist Zweifel zu streuen als explizite Kritik.
 
- An verschiedenen Stellen wird mit der Blickrichtung gespielt, z.B. statt "weshalb werden im Schnitt Therapeuten mit Erfahrung schlechter?" wurde daraus "was läuft bei Therapeuten mit weniger Erfahrung besser?"; eine Frage, die zu anderen Antworten führen könnte. Auch verschiedene andere Techniken der Rahmenveränderung kommen zur Anwendung (z.B. Metaphern, Differenzierungen).
Nur die Frage, die ich mir stelle, ist folgende: konkrete Anwendungen, z.B. die Spiele mit der Blickrichtung, die sind leicht zu erkennen. Die anderen aber, gerade die größeren Sachen, wie viele von denen wurden erkannt? 
 

Mittwoch, 29. März 2017

Ergebnisse und Interpretationen, oder auch: Übung in Rahmenerkennung I

Hinweis vorab, der folgende Beitrag hat ein wenig was von einem kleinen Eisberg. Über dem Wasser erzähle ich ein wenig über Wissenschaftlichkeit am Beispiel einer durchaus interessanten Fragestellung, unter der Wasseroberfläche jedoch spiele ich mit Rahmensetzungen. Mal schauen wie viele Du erkennst!

In wissenschaftlichen Veröffentlichungen wird (bzw. sollte) strikt zwischen den gefundenen Ergebnissen und Interpretationen getrennt. Weshalb? Weshalb wird nicht direkt dazu geschrieben, was der Befund erklärt?

In erster Linie, weil dies meist gar nicht so einfach ist. Ich möchte dies an einem doch recht betrüblichen Ergebnis demonstrieren, welches in verschiedenen Studien immer und immer und immer wieder gefunden wurde.

Nämlich, dass Therapeuten im Laufe ihrer Karriere immer schlechtere Ergebnisse erzielen.

Auf der einen Seite ist dies erstmal Fakt - quasi jede Studie hatte als Ergebnis, dass die Therapeuten, die gerade am Anfang ihrer Karriere stehen, bessere Ergebnisse erzielen als ihre Lehrer und Supervisoren. Ist kein so schönes Ergebnis.

Jetzt zoomen wir hier aber einmal kurz heraus, denn so klar ist das Ergebnis dann doch nicht. Es fanden sich nämlich in nahezu jeder Studie vier Untergruppen:
- eine Gruppe wird im Laufe der Jahre spürbar besser.
- eine Gruppe wird im Laufe der Jahre etwas besser.
- eine Gruppe wird im Laufe der Jahre etwas schlechter.
- eine Gruppe wird im Laufe der Jahre erheblich schlechter.

Erst, wenn alle diese Gruppen in einen Mixer gepackt und zu einem de facto nicht existenten Standardtherapeuten zerrührt werden, dann findet sich das Ergebnis, dass sie unterm Strich schlechter werden. Das gilt bei weitem nicht für alle. Aus einem allgemeinen Ergebnis sollte daher nicht auf einen Einzelfall geschlossen werden.

Dennoch ist es interessant, weshalb trotzdem - und trotz der in vielen Ländern sehr umfangreichen Weiterbildung - das Gesamtergebnis abnimmt.

Welche Gründe könnte es dafür geben?

An der Stelle fängt es an schwierig zu werden. Immer wieder versuchen Studien auch mögliche Gründe zu identifizieren und in der Studienanordnung zu berücksichtigen. So konnte z.B. das Alter und die damit einhergehenden Einbußen der geistigen Leistungsfähigkeit in verschiedenen Studien ausgeschlossen werden. Jedoch sind viele weitere möglichen Ursachen ungeklärt.

Denkbar wären unter anderem:
- Die Quantität an Inter- und Supervision, oder ohne Fachsprech die Hilfe und Anleitung von Kollegen, nimmt im Laufe der Berufstätigkeit ab. Diese müsste herauskorrigiert werden (was jedoch ethisch nicht zulässig ist) um die wahre Leistung von Berufsanfängern zu messen.
- Im Laufe der Berufstätigkeit nimmt in aller Regel die Fallschwere unterm Strich zu, heißt die Kollegen mit mehr Berufserfahrung haben es im Schnitt mit krankeren Menschen zu tun, heißt es werden möglicherweise zwar nicht Äpfel mit Birnen, wohl aber große und kleine Äpfel miteinander verglichen, um dann zum Ergebnis zu kommen, dass einer mehr Äpfel tragen kann als der andere.
- Ebenso nimmt die schiere Arbeitsquantität auch häufig in den ersten Berufsjahrzehnten zu, bei zusätzlich hinzukommenden außerberuflichen Belastungen.

Denkbar wäre jedoch genauso:
- Kollegen am Anfang des Berufsweges haben frischeres und aktuelleres Wissen, sie sind näher am Stand der Zeit.
- Kollegen am Anfang des Berufsweges sind möglicherweise motivierter, gerade im Umgang mit schwierigen Patienten. Bei Patienten, bei denen Kollegen mit Berufserfahrung möglicherweise zurückhaltender wären (z.B. bei fraglicher Therapiemotivation), könnten Kollegen, die neu im Beruf sind, vielleicht mehr Engagement zeigen.
- Neugier könnte ebenso eine Rolle spielen. Neugier, Interesse ist eine ganz wichtige Eigenschaft auf Seiten des Therapeuten. Aus verschiedensten Gründen, sei es um den Menschen zu verstehen, um die individuelle Störungsmechanik zu verstehen, oder auch nur um beim Gegenüber Neugier für eben jene Vorgänge zu wecken (vergleiche einen individuellen Panikkreislauf erstellen vs. einen vorgefertigt herunterzubeten).

Selbstverständlich sind noch sehr, sehr, sehr viel mehr Ursachen denkbar.

Wichtig erscheint mir hier in erster Linie, dass aus der allgemeinen Beobachtung nicht auf den konkreten Fall geschlossen wird (siehe die vier Untergruppen; 2 davon steigern sich). Gleichzeitig finde ich das Thema spannend - denn unabhängig davon scheint es hier einen Trend zu geben, den es meiner Meinung nach zu erkunden lohnt; denn unterm Strich beim Durchschnittstherapeuten ausm Mixer scheint ja am Anfang irgendwas besser zu laufen als nach einiger Zeit. Vielleicht etwas, das sich nutzen ließe.

Nur müsste dazu erst einmal klar sein, was überhaupt. Denn es sich so einfach machen und sagen "neuer = besser", das wäre mehr als gewagt.

Sonntag, 19. März 2017

Blick in die Kristallkugel: Psychotherapie in 50 Jahren

Wie wird Psychotherapie in 50 Jahren aussehen? Ich habe keine Ahnung. Null. Was ich hier schreibe, da ich leider keine funktionierende Glaskugel habe, sind reine Vermutungen. Ideen. Ohne Wertung - den meisten Entwicklungen stehe ich ziemlich zwiegespalten gegenüber.

1. Das Ende der Richtlinienverfahren.
Die Einteilung in Richtlinienverfahren (Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologie, Psychoanalyse) sind eine deutsche Besonderheit - die an sich nicht viel Sinn ergeben, abgesehen von einer historischen Perspektive. Beispielsweise kombiniert die Schematherapie, welche pro forma der VT zugeordnet sind, Elemente aus VT und TP. Zudem Elemente aus der Hypnotherapie - welche wiederum von einem TPler entwickelt wurde, aber ebenso aus historischen Gründen der VT zugeordnet wurde und nur von denen offiziell im Behandlungsplan Verwendung finden darf. Punkt eins. Punkt zwei, bereits jetzt fächern die Verfahren bereits sehr weit auseinander, zwei VTler sind ebenso wenig miteinander zu vergleichen wie zwei TPler.

Ich vermute, dass ab einem Punkt nicht mehr das Richtlinienverfahren zählen wird, sondern die aus den jeweiligen Verfahren (oder aus neueren Entwicklungen) stammenden Methoden.

2. Kürzere Therapiedauer
Im Laufe des letzten Jahrhunderts sank die durchschnittliche Therapiedauer zusehends. In anderen Ländern mehr noch als in Deutschland. Ich war z.B. sehr fasziniert, als ich erfahren habe, wie kurz zum Teil Behandlungsdauern in anderen Ländern sind. Deutschland ist da in zweifacher Hinsicht gut gestellt, erstens, dass Psychotherapie von den Krankenkassen übernommen wird; zweitens, dass bei Kurzzeittherapie sechs Monate und bei Langzeittherapie 12+ Monate möglich sind.

Ich fürchte, das wird nicht so bleiben. Was nicht nur vom Nachteil sein muss. Das wird zum Problem für chronische Fälle; gleichzeitig steckt darin eine Chance. Je früher bei einer Störung geholfen werden kann, desto besser (und desto weniger Therapie ist nötig). Kürzere Therapiedauern bedeuten es werden häufiger Therapieplätze frei. Zweischneidiges Schwert, gut für akute Fälle, schlecht für chronische.

3. Stärkere Betonung von therapeutischen Gruppen
Gruppen bieten zwei Vorteile. Erstens können Fähigkeiten (z.B. Affektregulation) nahezu genauso gut in Gruppen wie im Einzelkontakt vermittelt werden, jedoch im Gruppenkontext ökonomischer. Zweitens können durch Gruppendynamiken Themen aktiviert werden, die sonst aus unterschiedlichsten Gründen nicht in den Einzelkontakt gebracht werden. Letzteres aber ist meiner Vermutung nach gar nicht der entscheidende Punkt. Gerade die Bearbeitung von Kompetenzdefiziten wird, denke ich, in Zukunft allein aus zeitlichen Gründen immer mehr in Gruppenkontexte verlagert werden.

4. Mehr Verknüpfungen mit medizinischen und neurologischen Erkenntnissen
Umgekehrt, was die Medizin angeht, gehe ich auch von einer zunehmenden Verknüpfung aus. Wenn ich jedoch nur die psychotherapeutische Seite betrachte, dann erwarte ich da eine zunehmende Verzahnung. Nicht im Sinne von einer stärkeren Betonung von Psychopharmaka, sondern im Sinne von "diese und jene Übung führt zu diesen und jenen Veränderungen im Gehirn, wodurch sich diese Symptome lindern".

Konkretes Beispiel, Leute aus extrem hoher Anspannung herunterzubringen funktioniert über körperliche Reaktionsmuster viel besser als durch gedankliche Prozesse - jene sind auch hilfreich, jedoch in erster Linie um da gar nicht erst herein zu geraten. Solche Anregungen, welche über rein psychische Erklärmuster hinaus gehen, werden zunehmen.

(Die andere Seite jedoch auch, ich werfe einfach mal die größte Gesundheitsgefahr in Industrienationen ein - Stress...)

5. Psychotherapie wird an Wichtigkeit gewinnen
Erstens nehmen Belastungen zu bei zweitens zunehmenden Wegbruch von stabilisierenden Faktoren. Psychische Erkrankungen treten häufiger und früher und mit größerer Intensität auf, dies kann bereits seit einigen Jahren beobachtet werden. Das ist kein Zufall. Während Linderung eine Sache ist, wird es unter diesen Entwicklungen immer mehr Fälle geben, in denen eine Heilung plötzlich zur Definitionsfrage wird.

Bei gleichzeitiger Zunahme an Fälle. Daran wird sich auch die Psychotherapie anpassen. Wie? Gute Frage. Nächste Frage.

Mittwoch, 15. Februar 2017

Erfahrungsbericht, oder auch "ein Experiment in Zeitlosigkeit"

Mitte Dezember verabschiedete sich meine Uhr. Eine meiner Grundeinstellungen ist, dass sich (fast) alles irgendwie nutzen lässt. Nun dachte ich damals, hm, hänge ja schon sehr an der Uhr. Lasse von der Zeit mein Leben (mit-)bestimmen. Was passiert wohl, wenn ich versuche ohne Uhr zurecht zu kommen?
 
Rein vom Kopf her hatte ich mit Problemen gerechnet. Zu spät oder zu früh kommen, Termine verpassen, angespannt sein ("wie spät ist es nur?!"). Ganz größtenteils, hallo Realitätstestung alter Freund, war das Gegenteil der Fall.
 
Nur ein einziges mal bekam ich Ärger - und in dem Fall war ich eine (!) Minute zu früh (!).
 
Gleichzeitig war ich, gerade wenn ich unterwegs war (z.B. Spaziergang in der Pause) sehr viel präsenter noch als sonst. Eine Uhr ist so etwas wie eine Brücke in die Zukunft. Nein, besser noch, eine gegenwärtige Erinnerung an eine kommende Zukunft. Die fiel weg. Aber wurde durch etwas noch viel sinnvolleres ersetzt. Nämlich statt der äußeren Uhr der inneren Uhr.
 
Eine innere Uhr, die sowieso tickt. Vielleicht nicht funkuhrsekundengenau, doch mehr als genau genug. Ein Bauchgefühl, das in vielen anderen Bereichen bereits bewiesen hat, ziemlich genau - zumindest mehr als genau genug - zu funktionieren. Beispiel, wenn Du ein Auto kennst, schaltest Du dann nach Drehzahlmesser oder nach Gefühl? Brauchst Du ein Navi auf einem Weg, den du schon unzählige male gegangen bist?
 
Und während diese innere Uhr ohnehin die Zeit im Auge hatte, war mein Bewusstsein von der äußeren Uhr befreit.
 
Nach zwei Monaten hatte ich das Experiment beendet. Seither habe ich wieder eine Uhr.
 
Ich habe heute nur einmal draufgeschaut.

Freitag, 6. Januar 2017

Im Glaslabyrinth

Große Probleme, biographische Themen, gar Störungen, haben etwas von einem Glaslabyrinth. Der Betroffene weiß keinen Ausweg. Wo immer er hingeht, oder hinzugehen versuchte, war nur eine weitere Sackgasse, nur eine weitere Glaswand.
 
Manche werden unruhig, aggressiv gar, randalieren im Labyrinth. Andere resignieren, bleiben sitzen. Wieder andere warten auf Hilfe; darauf, an die Hand genommen und herausgeführt zu werden, oder doch zumindest eine Karte hinaus zu bekommen. Ein paar wenige gehen mit schierer Neugier heran, erkunden das Labyrinth; geraten vielleicht in Untiefen, oder finden einen Weg hinaus.
 
Das Bild des Glaslabyrinths kam mir spontan, als ich durch Zufall den Wunsch mitanhörte, nach einem Therapeuten in derselben Lebenssituation. Soll Therapie gemeinsames Labyrintherkunden sein? Dies hat durchaus einen Wert, eine Wirksamkeit von Gruppen zum Beispiel. Jedoch wenn zwei Leute im selben Labyrinth stecken, dann - platt gesagt - stecken zwei Leute im selben Labyrinth.
 
Mal davon abgesehen, dass das eine Unmöglichkeit ist. Nie ist auch nur eine Person im Labyrinth.
 
Es steckt niemals die ganze Person im Labyrinth. Das geht nicht. Damit wir uns in ein Labyrinth in uns befinden, muss es einen Teil von uns geben, der sich außerhalb des Labyrinths befindet. Sonst könnten wir gar nicht wissen, dass wir im Labyrinth sind. Nur dummerweise wird genau dieser Teil oft verleugnet, verdrängt, selbst weggesperrt.
 
Ein Blick von außen, von jemanden, der nicht im Labyrinth steckt, bringt Vorteile. Selbst wenn er dieses spezielle Labyrinth nicht kennt, so kann er doch ahnen, was grob gute und weniger gute Richtungen sind. Wie generell Labyrinthe funktionieren. Aber wichtiger noch, er kann erkennen, was außerhalb des Labyrinths liegt. Denn dort befindet sich die Lösung.
 
Sofern die Lösung nicht das Problem ist. Denn ein Labyrinth schützt auch den, der sich darin befindet.