Sonntag, 19. März 2017

Blick in die Kristallkugel: Psychotherapie in 50 Jahren

Wie wird Psychotherapie in 50 Jahren aussehen? Ich habe keine Ahnung. Null. Was ich hier schreibe, da ich leider keine funktionierende Glaskugel habe, sind reine Vermutungen. Ideen. Ohne Wertung - den meisten Entwicklungen stehe ich ziemlich zwiegespalten gegenüber.

1. Das Ende der Richtlinienverfahren.
Die Einteilung in Richtlinienverfahren (Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologie, Psychoanalyse) sind eine deutsche Besonderheit - die an sich nicht viel Sinn ergeben, abgesehen von einer historischen Perspektive. Beispielsweise kombiniert die Schematherapie, welche pro forma der VT zugeordnet sind, Elemente aus VT und TP. Zudem Elemente aus der Hypnotherapie - welche wiederum von einem TPler entwickelt wurde, aber ebenso aus historischen Gründen der VT zugeordnet wurde und nur von denen offiziell im Behandlungsplan Verwendung finden darf. Punkt eins. Punkt zwei, bereits jetzt fächern die Verfahren bereits sehr weit auseinander, zwei VTler sind ebenso wenig miteinander zu vergleichen wie zwei TPler.

Ich vermute, dass ab einem Punkt nicht mehr das Richtlinienverfahren zählen wird, sondern die aus den jeweiligen Verfahren (oder aus neueren Entwicklungen) stammenden Methoden.

2. Kürzere Therapiedauer
Im Laufe des letzten Jahrhunderts sank die durchschnittliche Therapiedauer zusehends. In anderen Ländern mehr noch als in Deutschland. Ich war z.B. sehr fasziniert, als ich erfahren habe, wie kurz zum Teil Behandlungsdauern in anderen Ländern sind. Deutschland ist da in zweifacher Hinsicht gut gestellt, erstens, dass Psychotherapie von den Krankenkassen übernommen wird; zweitens, dass bei Kurzzeittherapie sechs Monate und bei Langzeittherapie 12+ Monate möglich sind.

Ich fürchte, das wird nicht so bleiben. Was nicht nur vom Nachteil sein muss. Das wird zum Problem für chronische Fälle; gleichzeitig steckt darin eine Chance. Je früher bei einer Störung geholfen werden kann, desto besser (und desto weniger Therapie ist nötig). Kürzere Therapiedauern bedeuten es werden häufiger Therapieplätze frei. Zweischneidiges Schwert, gut für akute Fälle, schlecht für chronische.

3. Stärkere Betonung von therapeutischen Gruppen
Gruppen bieten zwei Vorteile. Erstens können Fähigkeiten (z.B. Affektregulation) nahezu genauso gut in Gruppen wie im Einzelkontakt vermittelt werden, jedoch im Gruppenkontext ökonomischer. Zweitens können durch Gruppendynamiken Themen aktiviert werden, die sonst aus unterschiedlichsten Gründen nicht in den Einzelkontakt gebracht werden. Letzteres aber ist meiner Vermutung nach gar nicht der entscheidende Punkt. Gerade die Bearbeitung von Kompetenzdefiziten wird, denke ich, in Zukunft allein aus zeitlichen Gründen immer mehr in Gruppenkontexte verlagert werden.

4. Mehr Verknüpfungen mit medizinischen und neurologischen Erkenntnissen
Umgekehrt, was die Medizin angeht, gehe ich auch von einer zunehmenden Verknüpfung aus. Wenn ich jedoch nur die psychotherapeutische Seite betrachte, dann erwarte ich da eine zunehmende Verzahnung. Nicht im Sinne von einer stärkeren Betonung von Psychopharmaka, sondern im Sinne von "diese und jene Übung führt zu diesen und jenen Veränderungen im Gehirn, wodurch sich diese Symptome lindern".

Konkretes Beispiel, Leute aus extrem hoher Anspannung herunterzubringen funktioniert über körperliche Reaktionsmuster viel besser als durch gedankliche Prozesse - jene sind auch hilfreich, jedoch in erster Linie um da gar nicht erst herein zu geraten. Solche Anregungen, welche über rein psychische Erklärmuster hinaus gehen, werden zunehmen.

(Die andere Seite jedoch auch, ich werfe einfach mal die größte Gesundheitsgefahr in Industrienationen ein - Stress...)

5. Psychotherapie wird an Wichtigkeit gewinnen
Erstens nehmen Belastungen zu bei zweitens zunehmenden Wegbruch von stabilisierenden Faktoren. Psychische Erkrankungen treten häufiger und früher und mit größerer Intensität auf, dies kann bereits seit einigen Jahren beobachtet werden. Das ist kein Zufall. Während Linderung eine Sache ist, wird es unter diesen Entwicklungen immer mehr Fälle geben, in denen eine Heilung plötzlich zur Definitionsfrage wird.

Bei gleichzeitiger Zunahme an Fälle. Daran wird sich auch die Psychotherapie anpassen. Wie? Gute Frage. Nächste Frage.

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