Mittwoch, 29. März 2017

Ergebnisse und Interpretationen, oder auch: Übung in Rahmenerkennung I

Hinweis vorab, der folgende Beitrag hat ein wenig was von einem kleinen Eisberg. Über dem Wasser erzähle ich ein wenig über Wissenschaftlichkeit am Beispiel einer durchaus interessanten Fragestellung, unter der Wasseroberfläche jedoch spiele ich mit Rahmensetzungen. Mal schauen wie viele Du erkennst!

In wissenschaftlichen Veröffentlichungen wird (bzw. sollte) strikt zwischen den gefundenen Ergebnissen und Interpretationen getrennt. Weshalb? Weshalb wird nicht direkt dazu geschrieben, was der Befund erklärt?

In erster Linie, weil dies meist gar nicht so einfach ist. Ich möchte dies an einem doch recht betrüblichen Ergebnis demonstrieren, welches in verschiedenen Studien immer und immer und immer wieder gefunden wurde.

Nämlich, dass Therapeuten im Laufe ihrer Karriere immer schlechtere Ergebnisse erzielen.

Auf der einen Seite ist dies erstmal Fakt - quasi jede Studie hatte als Ergebnis, dass die Therapeuten, die gerade am Anfang ihrer Karriere stehen, bessere Ergebnisse erzielen als ihre Lehrer und Supervisoren. Ist kein so schönes Ergebnis.

Jetzt zoomen wir hier aber einmal kurz heraus, denn so klar ist das Ergebnis dann doch nicht. Es fanden sich nämlich in nahezu jeder Studie vier Untergruppen:
- eine Gruppe wird im Laufe der Jahre spürbar besser.
- eine Gruppe wird im Laufe der Jahre etwas besser.
- eine Gruppe wird im Laufe der Jahre etwas schlechter.
- eine Gruppe wird im Laufe der Jahre erheblich schlechter.

Erst, wenn alle diese Gruppen in einen Mixer gepackt und zu einem de facto nicht existenten Standardtherapeuten zerrührt werden, dann findet sich das Ergebnis, dass sie unterm Strich schlechter werden. Das gilt bei weitem nicht für alle. Aus einem allgemeinen Ergebnis sollte daher nicht auf einen Einzelfall geschlossen werden.

Dennoch ist es interessant, weshalb trotzdem - und trotz der in vielen Ländern sehr umfangreichen Weiterbildung - das Gesamtergebnis abnimmt.

Welche Gründe könnte es dafür geben?

An der Stelle fängt es an schwierig zu werden. Immer wieder versuchen Studien auch mögliche Gründe zu identifizieren und in der Studienanordnung zu berücksichtigen. So konnte z.B. das Alter und die damit einhergehenden Einbußen der geistigen Leistungsfähigkeit in verschiedenen Studien ausgeschlossen werden. Jedoch sind viele weitere möglichen Ursachen ungeklärt.

Denkbar wären unter anderem:
- Die Quantität an Inter- und Supervision, oder ohne Fachsprech die Hilfe und Anleitung von Kollegen, nimmt im Laufe der Berufstätigkeit ab. Diese müsste herauskorrigiert werden (was jedoch ethisch nicht zulässig ist) um die wahre Leistung von Berufsanfängern zu messen.
- Im Laufe der Berufstätigkeit nimmt in aller Regel die Fallschwere unterm Strich zu, heißt die Kollegen mit mehr Berufserfahrung haben es im Schnitt mit krankeren Menschen zu tun, heißt es werden möglicherweise zwar nicht Äpfel mit Birnen, wohl aber große und kleine Äpfel miteinander verglichen, um dann zum Ergebnis zu kommen, dass einer mehr Äpfel tragen kann als der andere.
- Ebenso nimmt die schiere Arbeitsquantität auch häufig in den ersten Berufsjahrzehnten zu, bei zusätzlich hinzukommenden außerberuflichen Belastungen.

Denkbar wäre jedoch genauso:
- Kollegen am Anfang des Berufsweges haben frischeres und aktuelleres Wissen, sie sind näher am Stand der Zeit.
- Kollegen am Anfang des Berufsweges sind möglicherweise motivierter, gerade im Umgang mit schwierigen Patienten. Bei Patienten, bei denen Kollegen mit Berufserfahrung möglicherweise zurückhaltender wären (z.B. bei fraglicher Therapiemotivation), könnten Kollegen, die neu im Beruf sind, vielleicht mehr Engagement zeigen.
- Neugier könnte ebenso eine Rolle spielen. Neugier, Interesse ist eine ganz wichtige Eigenschaft auf Seiten des Therapeuten. Aus verschiedensten Gründen, sei es um den Menschen zu verstehen, um die individuelle Störungsmechanik zu verstehen, oder auch nur um beim Gegenüber Neugier für eben jene Vorgänge zu wecken (vergleiche einen individuellen Panikkreislauf erstellen vs. einen vorgefertigt herunterzubeten).

Selbstverständlich sind noch sehr, sehr, sehr viel mehr Ursachen denkbar.

Wichtig erscheint mir hier in erster Linie, dass aus der allgemeinen Beobachtung nicht auf den konkreten Fall geschlossen wird (siehe die vier Untergruppen; 2 davon steigern sich). Gleichzeitig finde ich das Thema spannend - denn unabhängig davon scheint es hier einen Trend zu geben, den es meiner Meinung nach zu erkunden lohnt; denn unterm Strich beim Durchschnittstherapeuten ausm Mixer scheint ja am Anfang irgendwas besser zu laufen als nach einiger Zeit. Vielleicht etwas, das sich nutzen ließe.

Nur müsste dazu erst einmal klar sein, was überhaupt. Denn es sich so einfach machen und sagen "neuer = besser", das wäre mehr als gewagt.

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