Samstag, 12. August 2017

Eine etwas andere Pillenfrage

Ein Gedankenexperiment, bei dem ich mich (sehr!) frage, wie es ausgehen würde - wenn es denn je in der Form möglich wäre.

Stelle Dir vor, ein beliebiger Patient mit einer eher chronischen Erkrankung kommt zu einem Arzt. Der Arzt untersucht den Patienten und sagt "okay, die Beschwerden lassen sich stark lindern oder sogar komplett beheben. Jedoch müssen sie diese Pille nehmen. Dreimal täglich. Wenn sie die Pille nehmen, wird es ihnen 10 Minuten lang zwar nicht schlecht gehen, jedoch werden sie nichts machen können - und es wird möglicherweise so unangenehm sein wie den Hausputz zu machen. Auch eine Warnung, die Pille ist keine Schmerztablette. Sie wirkt erst nach ein paar Wochen, und muss möglicherweise für den Rest ihres Lebens genommen werden."
(Alternativen: Eine Pille pro Tag, dafür 30 Minuten weg. Oder eine Pille nehmen, dafür wegen Wechselwirkungen auf manche Sachen, z.B. Genussgifte, verzichten.)

Ich frage mich, wie viele Patienten die Pille nehmen würden.

Der Grund, weswegen ich dieses Gedankenspiel habe, ist einfach. Ich erlebe in der Arbeit mit Menschen ganz grob gesagt drei Personengruppen.

- Gruppe 1 macht nichts.
- Gruppe 2 macht etwas, bis die Beschwerden nachlassen. Und hört dann wieder auf.
- Gruppe 3 macht etwas, merkt es wird besser, macht es weiter.

Wenig überraschend profitiert Gruppe 3 am meisten. Nun bin ich kein Arzt, und ich habe nichts mit Pillen zu tun. Jedoch vergebe ich durchaus auch mal bittere Pillen. Sei es im Bereich Übungen zur Affektregulation, zur Anspannungsreduktion, zur Einübung neuer Denk- und Verhaltensweisen, zur Selbstwertregulation, zur Wahrnehmungslenkung, zum wohlwollenderen Umgang mit der eigenen Person, zur Steigerung metakognitiver Fähigkeiten und sehr, sehr viel mehr.

Es gibt für das Verhalten von Gruppe 1 und 2 gute Gründe. Deshalb finde ich das Gedankenexperiment so interessant. Beispielsweise setzt die Pillenfrage den Punkt Selbstwirksamkeitserwartung außer Kraft - nicht man selbst ist für die Besserung verantwortlich (also das eigene Verhalten), sondern die Pille. Und genauso, wenn es nicht klappt, ist auch die Pille schuld. Genauso muss bei der Tablettenfrage ein eigener Perfektionist nicht gemanaged werden (welcher gerade bei Übungen bezüglich innerer Prozesse oft ein riesiger Störenfried ist). Daher frage ich mich, ob unter diesen Vorzeichen mehr Menschen sich darauf einlassen würden.

Nun ja, ein Kollege meinte mal 80% der therapeutischen Arbeit wäre Motivationsaufbau. Dem stimme ich zwar nicht 100% zu, jedoch ahne ich, weshalb er dies sagte.