Sonntag, 21. Januar 2018

Karten lesen einmal anders...


Es gibt ein ganz wunderbares Gedankenexperiment zur Erklärung von Psychotherapie, Beratung und/oder Coaching, das leider heutzutage nicht mehr funktioniert. Weshalb? Es wird heute beantwortet mit "ich hole mein Smartphone heraus und nutze es als Navi".
Daher sagen wir einfach mal, es ist eine Zeit ohne Smartphones. Ein Mensch findet sich in einer fremden Stadt wieder. Was braucht er, um sich dort zurecht zu finden?
An der Stelle kann man erst einmal gut sammeln. Zumindest konnte man es früher. Heute kommt als Antwort "ohne Smartphone würde ich sterben!"
Dann kamen als Antworten eigentlich immer:
- Karte
- Kompass
Manchmal kam auch:
- Leute, die man nach dem Weg fragen kann
Irgendwie nie kam, zumindest soweit ich mich erinnere
- Ziel
Auch, aber weniger überraschend, kam nie:
- ein grundlegendes Verständnis wie Städte funktionieren, also was sind Bürgersteine, Ampeln, Kreuzungen und so weiter.
Nun ist das Leben zum Glück nicht wie sich unvermittelt und ohne Hilfsmittel in einer fremden Stadt wiederzufinden. Es gibt Ziele, nämlich Bedürfnisse. Es gibt einen angeborenen Kompass, nämlich unser emotionales System. Im Laufe unseres Lebens bilden wir sowohl "tiefe Karten" (also das zuletzt erwähnte grundlegende Verständnis) aus als auch Karten unserer Umwelt. (An der Stelle zeigt sich auch, weshalb Smartphone als aktualisiertes Bild nicht funktioniert, weil es Kompass und Karte und "Leute, die man fragen kann" vereint).
Trotzdem kommt es immer wieder zu Störungen. Die können überall auftreten.
Es kann sein, dass der Kompass entweder falsche Richtungen anzeigt; oder, was häufiger der Fall ist, nicht gelesen werden kann. Es kann sein, dass die Karte der Stadt nicht stimmt. Noch fataler, wenn die "tiefe Karte" nicht stimmt. (Konkretes Beispiel, Reisen nach Großbritannien! Dort stimmt unsere tiefe Karte nicht bezüglich Verkehr.)
Es kann auch sein, dass wir gar nicht das richtige Ziel anpeilen. Haben Hunger und peilen ein Bekleidungsgeschäft an.
In Psychotherapie, Beratung und/oder Coaching geht es meiner Meinung nach nicht darum jemanden einen bestimmten Weg in einer bestimmten Stadt vorzugeben. Sondern zu ermöglichen, selbst passende Wege zu finden. Das hieße den Kompass lesen lernen (und im Zweifelsfall reparieren). Es hieße selbst die Karten verbessern zu lernen und Fehler zu erkennen. Es hieße sich über die eigenen Ziele bewusst zu werden. Und es hieße auch Irrwege zu erkennen, und Störungen bzw. Schwierigkeiten aufzugreifen als Hinweis auf Irrwege.

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