Donnerstag, 28. Juni 2018

Essigessenz, oder auch: Umgang mit alten Mustern

Manche kuriosen, oder auch tragischen, Begebenheiten bleiben im Gedächtnis. Und manchmal steckt da mehr drin, als auf dem ersten Blick scheint.

Vor einigen Monaten sah meine Mutter, dass bei einem großen Discounter Essigessenz im Angebot war. Bat mich, da vier oder fünf Flaschen von zu holen. Sie entkalkte lieber mit Essigessenz als mit chemischen Mitteln. So weit, so normal.

Gleichzeitig sprach die Bitte in doppelten Sinne von einer gewissen Entkoppelung von der Realität. Da war eine positive Entkoppelung, nämlich das Verbleiben in Normalität. In einer Situation, die nicht mehr normal war. Sie war zu dem Zeitpunkt bereits schwer erkrankt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Essigessenz überhaupt noch benutzen würde, war sehr gering. Und trotzdem ist es auch unter solchen Vorzeichen wichtig Normalität aufrecht zu erhalten. Mit Hoffnung zu leben. Die sich auch in so kleinen Dingen zeigt.

Auch eine negative Entkoppelung. Als ich dabei war die Wohnungsauflösung vorzubereiten fand ich insgesamt 8 Flaschen Essigessenz. Wieso also noch einige mehr holen? Ein altes Muster, noch aus den Nachkriegsjahren. Man weiß ja nicht, wann es wieder etwas gäbe - also sich eindecken, wenn die Gelegenheit gerade da ist!

Ergab in den Nachkriegsjahren Sinn.

Heutzutage weniger.

Alte Muster haben so ihre Eigenart, dass sie häufig sinnvoll waren. Ihren Sinn jedoch im Laufe der Jahre und Jahrzehnte verloren. Manche gehen dadurch fort. Andere bleiben.

Wie also damit umgehen?

Trägt man selbst so ein altes Muster mit sich, dann haben sich meiner Erfahrung nach folgende Schritte bewährt:

- Das Muster benennen und eingrenzen. Um es fassbarer und damit wahrnehmbarer zu machen. Wir Menschen laufen zu über 90% auf Autopilot und entsprechend irgendwelchen Mustern, über die wir nicht nachdenken. Wie oft hast du darüber nachgedacht, wie eine Tür funktioniert? Oder abgewogen, ob du dir die Zähne putzt? Das sind Autopilotmuster. Die sind zu einem Großteil absolut nützlich. Zumindest die weniger nützlichen sollten wir, um damit arbeiten zu können, aber greifen können. Das geht durchs Benennen und Eingrenzen. (Im geschilderten Fall Hamstertendenzen bei Angeboten und Überkompensation von Verbrauch.)

- Das Muster erkennen lernen. Das ist der schwierigste, und zugleich wichtigste Schritt. Er setzt den Blick auf sich selbst voraus. Das Muster nämlich dann erkennen, wenn es gerade abläuft. In dem Moment entsteht eine wichtige Möglichkeit zur Veränderung. Weniger eingebrannte Muster lassen sich auch vorab abfangen, durch entsprechende Planung. Eingebrannte Muster jedoch werden so automatisiert ausgelöst, dass der Zeitpunkt zur Veränderung nicht vorab, und erst recht nicht danach ist. Sondern in der Musteraktivierung. Das gelingt, wenn wir uns bewusst werden, was wir gerade tun. (Achtsamkeitsmeditation, deren positive Effekte mittlerweile in einer Legion Studien gefunden wurde, macht nichts anderes als genau diese Fähigkeit zu trainieren.)

- Eine wohlwollend-akzeptierende Grundhaltung finden. Es gibt einen schönen Reim im englischen Sprachraum, "what you resist, persists", mit der Ergänzung "what you accept you'll gain the power to transform" (übersetzt sinngemäß "was man mit Widerwillen begegnet, das bleibt; was man akzeptiert, das lässt sich verändern"). Alte Muster mögen (teils große) Schwierigkeiten machen. Mit Gewalt gegen sie zu kämpfen löst jedoch in aller Regel genau die grundlegenden Emotionen aus, aufgrund derer sie sich entwickelt haben (im Beispiel ausgeprägte Ängste in Bezug auf die Grundversorgung). In dem Moment, wo wir voll auf Emotion sind, handeln wir emotional, und das ist in aller Regel entsprechend alter Muster. Also Muster akzeptieren, um nicht die volle emotionale Wucht um die Ohren gehauen zu bekommen. (Auch diese Grundhaltung ist etwas, das geübt werden sollte.)

- Gleichzeitig eine Koppelung an die Gegenwart herstellen. Im Sinne von "liebes Muster X, auch wenn du mir aus ehemals guten Gründen zu Y rätst, aufgrund von Z entscheide ich mich für..." (um im Beispiel zu bleiben "liebe Hamstertendenz, auch wenn ich gerade am liebsten noch fünf weitere Flaschen Essigessenz kaufen möchte, ich habe genug Essigessenz für mehrere Jahre da, und kann mir jederzeit im Notfall weitere Essigessenz in anderen Geschäften kaufen. Daher werde ich keine holen."), anders formuliert die Entscheidung nicht mehr emotional oder auf Autopilot treffen, sondern vom Kopf her. Dies wird im Laufe der Zeit neue, sinnvollere Muster bilden.

- Schließlich eine Rückkoppelungsschleife einbauen, am Ende schauen, wie ist es gelaufen, was war das Ergebnis? Was fiel leicht, wo traten Schwierigkeiten auf, was kann in Zukunft anders bzw. besser gemacht werden?

Die klassischen Änderungsversuche überspringen Schritt 1, ignorieren Schritt 2 und 3 und wundern sich, weshalb der Veränderungsschritt so schwer ist. Ist wie ein Auto im vierten Gang anfahren. Geht, setzt jedoch eine Menge Feingefühl im Fuß voraus.

Habe ich das im Falle der Essigessenz gemacht? Nein. Nicht jedes alte Muster muss verändert werden. Auch das halte ich für einen wichtigen Leitsatz.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen