Donnerstag, 29. November 2018

Krise! Und nun?

Es gibt diesen ganz wunderbaren Begriff der so genannten "kritischen Lebensereignissen", damit sind alle Arten von Ereignissen mit großen Belastungen und Veränderungen gemeint. Manche davon können durchaus positiv sein (z.B. Umzug), doch selbst die positiven kritischen Lebensereignisse gehen mit einer Menge Stress und Belastungen und Veränderungen einher. Von den ganzen traditionell eher negativ besetzten kritischen Lebensereignissen (Todesfälle, Jobverlust, schwere Krankheit und co) mal ganz zu schweigen.

Nun ist mir über die Jahre aufgefallen, dass ich Menschen in solchen Lebenslagen zwar einerseits konkret an der jeweiligen Situation arbeite, welche sehr individuell ist. Jedoch andererseits fast immer dieselben Standardideen aus der Reserve hole. Quasi meine "Krise, und nun?"-Checkliste.
Diese erfasst erstaunlich viele Punkte, die sich mehr auf das körperliche Befinden beziehen. Ich bin kein Arzt, kein Mediziner. Daher sind die mit einer Prise Salz zu genießen (aber nicht zu viel, Salz kann ungesund sein). Sie beruhen auf immer wieder zu beobachtenden und in verschiedenster Literatur beschriebenen Zusammenhänge zwischen Körper und Geist. Und, wie mir auffiel, gerade der Körper wird in Krisen gern vernachlässigt. Was sich leider auch auf das geistige Krisenbewältigungspotential auswirkt.

Hier also meine "Krise, und nun?"-Checkliste:

- Grundzüge einer gesunden Ernährung einhalten!
Hier geht es darum Mangelernährung zu vermeiden. Das Gehirn braucht bestimmte Nährstoffe, verschiedene Vitamine, Spurenelemente, essentielle Fettsäuren, um gut zu funktionieren. So formuliert, wenn jemand in einer Krise jeden Tag Pizza isst, oder sich eine Schachtel Praline herein pfeift, sehe ich da kurzfristig kein Problem drin. Packe ich nun das Wort "nur" hinzu, sich also nur von Pizza oder Pralinen ernährt, dann kracht er körperlich und geistig herein. Schlecht. Auch in Krisen gehören Obst, Gemüse und weitere Bestandteile einer ausgewogenen Ernährung auf den Speiseplan!

- 4x pro Woche 20 Minuten Bewegung!
Bewegung wirkt stimmungsaufhellend einerseits, erlaubt andererseits mehr geistige Flexibilität. Beugt zudem Schmerzentwicklungen vor. Selbst wenn die Bewegung selbst als anstrengend und unangenehm erlebt wird, so hat sie doch deutliche Auwirkungen auf den geistigen und körperlichen Allgemeinzustand. Und die erhöhte geistige Flexibilität ist extrem wichtig.

- Tagesstruktur einhalten!
Körper und Geist mögen keinen Strukturverlust. Regelmäßig aufstehen, essen, Körperhygiene. Vielleicht bestimmte Rituale, siehe z.B. in dieser Liste einige Ideen, in den Alltag einbauen, ist wichtig.

- täglich mindestens 5 Minuten Herzensgüte-Meditation!
Zwei Gefahren drohen in einer kritischen Lebensphase.
Einerseits hart der Welt gegenüber zu werden, sich zu isolieren, zu verbittern. Mitgefühl anderen gegenüber abzubauen.
Andererseits hart sich selbst gegenüber zu werden, sich zu überfordern, zu verlieren. Mitgefühl sich selbst gegenüber abzubauen.
Eine gute Möglichkeit dem vorzubeugen sind Herzensgüte-Meditationen. Welche genau ist vollkommen und total egal, so lange sie (was typisch ist für Herzensgüte bzw. "metta") sowohl Mitmenschen als auch sich selbst einschließt.

- täglich mindestens 30 Minuten mit einem anderen Menschen sprechen!
Dies hat zwei Gründe. Erstens sind wir Menschen soziale Wesen. Zweitens, dies gilt auch für den hierauf folgenden Punkt, funktioniert unsere Gedankenwelt auf sehr fundamentale Art und Weise anders, wenn wir Gedanken in die Welt hinaus bringen. Sie sortieren sich, werden greifbarer, lösungsorientierter, verweilen weniger in Schleifen. Mit anderen Menschen sprechen ist allein aus dem sozialen Aspekt wichtig. Wenn dann noch hinzu kommt, dass man über die Krise selbst auch etwas sagen kann, umso besser. Sprechen und aufschreiben ist um Welten hilfreicher als nur über etwas nachzudenken.

- "Tagebuch" führen!
Es reichen wenige Stichworte, ein paar Zeilen. Egal ob im Stil eines Gedankenflusses, oder zielgerichtet. Erfüllt einerseits eine wichtige Funktion, wenn sozialer Austausch über den Kriseninhalt nicht möglich ist. Nimmt andererseits Last vom Erinnerungssystem. Das versucht in aller Regel sich Dinge zu merken, ist jedoch in Krisen damit überfordert. Was wiederum zu Belastungen führt. "Sich Dinge von der Seele schreiben" ist nicht umsonst ein geflügeltes Wort.

- täglich mindestens 30 Minuten etwas in Richtung Hobbies bzw. Interessen tun!
Eine der größeren Gefahren in Krisensituationen ist, dass wir die "Plus"-Seite im Leben ignorieren. "Erst die Krise, dann das Vergügen" funktioniert nicht. Unsere Seele ist wie ein Muskel. Ein Arm, der wochenlang nicht belastet wird, baut Muskeln ab. Genauso verhält es sich auch mit Fähigkeiten wie Spaß oder Entspannung. Ansonsten gelingen die immer weniger gut und irgendwann fast gar nicht mehr. Auch wenn es sich nicht passend oder richtig anfühlt. Gerade in Krisen ist Ausgleich wichtig.

- täglich mindestens 15 Minuten das Haus und den Ort der Krise verlassen!
Spaziergänge, Einkäufe, völlig egal. Das hat mehrere Gründe. Erstens können hier neue Impulse in sonst festgefahrene Gedankenkreisläufe kommen. Zweitens besteht die Gefahr des vollkommenen Rückzugs, wenn nur im Haus geblieben wird. Drittens haben auch Natur und Sonne eine gewisse Wirkung auf die Seele. Viertens um Teil des Lebens zu bleiben. Leben bedeutet konstante Veränderung. Draußen bekommt unsere Seele das mit. Eingeschlossen in den eigenen vier Wänden nicht. An einem Haus in Detmold gibt es einen wunderbaren Spruch. "Schlechte Zeit, gute Zeit, vergehen beid'". Das erlebt unsere Seele da draußen.

- mindestens 1x pro Woche neue Dinge ausprobieren!
Auch dies wieder aus mehreren Gründen. Erstens neue Anregungen bzw. Input, um nicht in festgefahrene Gedankenkreise zu geraten. Zweitens um eine der stärksten Ressourcen zu unterstützen, die wir Menschen zur Krisenbewältigung haben. Neugier! Neugierig zu sein, offen zu sein, hilft sehr bei der Krisenbewältigung. Aber auch dies ist etwas, was geübt werden sollte. Und nicht nur beim "Kriseninhalt". Ein recht berühmter amerikanischer Psychiater des vergangenen Jahrhunderts hat z.B. neue Patienten zu Beginn der Therapie teils wirklich abwegige Aufgaben gegeben, wie z.B. einen bestimmten Hügel zu besuchen, neue Straßenwege zur Arbeit entdecken und ähnliches. Oft Dinge, die rein gar nichts mit der eigentlichen Störung zu tun hatten. Jedoch Ressourcen, nämlich Neugier und eine Orientierung aufs Handeln, aufbauten, die sich dann im Verlauf als sehr hilfreich heraus stellten.

Nun beginnt die Adventszeit. Ich wünsche allen Lesern eine besinnliche Zeit.

Auch eine Nachricht in eigener Sache. Wie sich durch die nur mehr sehr sporadische Aktivität abzeichnete werde ich kaum mehr neue Beiträge im Blog veröffentlichen. Ich mag es für die Zukunft nicht ganz und zu 100% ausschließen. Aktuell ist mein Eindruck, dass sich ein ganzer Berg an verschiedensten Themen hier findet und es nun auf mich wie eine recht runde Sache wirkt. Ganz rein subjektiv. Daher sage ich nun "bis dann, und danke für den Fisch!"